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Updated: 18.12.2012 15:51
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Schlecker vor dem Aus?

Ende Januar mussten die Bosse der Drogerie Discounter Kette Schlecker Insolvenz anmelden. Auch wenn es sich um eine so genannte "Planinsolvenz" handelt, ist dieser Vorgang doch bezeichnend und zeigt nur den Niedergang des einstmals unangefochtenen "Marktführers" an.

Die Geschichte von Schlecker, ist die eines Unternehmens, das sich ständig mit einem schlechten Image herumschlagen musste. Das hat viel mit dem Geschäftsmodell, aber auch mit den Unternehmenspolitischen Vorstellungen des Firmengründers, Anton Schlecker, zu tun. Das Geschäftsmodell, bis vor ein paar Jahren, beruhte darauf, in jedem Wohnviertel eine häufig sehr kleine Filiale, zu haben. Diese Filialen waren mit einer äußerst minimalen Personalbesetzung ausgestattet. Zumeist waren die Verkäuferinnen alleine tätig. So wie die Ausstattung der Läden waren auch die Bedingungen für die Beschäftigten: äußerst karg. Tarifverträge und gesetzliche Bestimmungen wurden nicht eingehalten, mit den installierten Telefonen ließen sich nur betriebsinterne Telefonate abwickeln und selbst der Besuch der Toilette musste bis auf den letzten Moment hinaus geschoben werden, da ja keine Ablösung bereit stand. Dazu kamen die ständigen Schikanen der Vorgesetzten, die den Verkäuferinnen leicht das Leben zur Hölle machen konnten. Aus der ständigen one Woman Besetzung folgte, dass Schlecker Filialen sehr häufig überfallen wurden. Die Zeitungen berichten bis heute darüber, das mal wieder ein Drogeriemarkt überfallen wurde und die Täter durch die Bedrohung mit einer Pistole oder einem Messer eine gewisse Euro Summe erbeuteten.

Mit der zunehmenden Präsenz der Konkurrenten von Schlecker wie DM, Rossmann, Müller oder anderen Mitbewerbern kam das Geschäftsmodell von Schlecker unter Druck. Mit der von der damaligen Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen betriebenen so genannten Schlecker Kampagne gelang es die Machenschaften des Anton Schlecker an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Die miese Bezahlung, die Arbeitsbedingungen in den Filialen wurden zum Diskussionsgegenstand in der Öffentlichkeit. Fernsehbeiträge zur besten Sendezeit beschäftigten sich mit den Bedingungen bei Schlecker. Anton Schlecker wurde in einem Gerichtsverfahren wegen Sozialversicherungsbetrug zu einer Millionen Geldstrafe verurteilt. Mit dieser Kampagne gelang es der HBV aber sich bei Schlecker, zuerst in Baden - Württemberg, betrieblich zu verankern und Betriebsrätestrukturen aufzubauen. Trotzdem musste jeder einzelne Schritt gegen den erheblichen Widerstand von Anton Schlecker durchgesetzt werden. Gewerkschaften, Betriebsräte, ArbeiterInnenrechte o.ä. waren in dem Geschäftsmodell des Anton Schlecker nicht vorgesehen. Bis vor wenigen Jahren schien dieses Geschäftsmodell auch den nötigen Erfolg, sprich Profite zu erwirtschaften, zu haben. Trotz einer stetig steigenden gewerkschaftlichen Organisierung und eines widerständigen Agierens vieler Betriebsräte, dass so manche Erfolge brachte, konnte Schlecker nicht zu einer grundlegenden Änderung gezwungen werden. Bis er, offensichtlich durch schlechte Betriebsergebnisse veranlasst, einen Strategiewechsel hin zu größeren Filialen, den so genannten XXL Filialen bekannt gab. Wie diese Änderung dann betrieben wurde sollte wiederum zum Gegenstand der öffentlichen Debatte werden und ist praktisch die Grundlage für die jetzige Misere von Schlecker. Schlecker gründete eine eigene Leiharbeitsfirma die Beschäftigte an die jeweils neu gegründete XXL Filiale, natürlich gegen ganz kleine Bezahlung, auslieh. Im Zuge der Gründung von XXL Filialen wurden im Umfeld kleinere Filialen geschlossen, was dazu führte, dass die Beschäftigten der kleineren Filialen drohten arbeitslos zu werden. Als Alternative könnten Sie ja, so das Kalkül von Schlecker, sich bei der Leiharbeitsfirma bewerben. Hiermit bewies Schlecker das er nichts aus den Auseinandersetzungen der letzten Jahre gelernt hatte. Er beharrte auf seinen Herr im Haus Führungsstil, und meinte tatsächlich sich gegen alle Widerstände durchsetzen zu können. Inzwischen waren aber die Bedingungen bei Schlecker so, dass die Betriebsräte, wo immer Sie konnten, diese Personalpolitik blockierten und ihre Gewerkschaft ver.di diese Praktiken an die Öffentlichkeit brachte. Dies sorgte für einen Sturm der Entrüstung und Schlecker musste ver.di klein beigeben und schloss mehrere Vereinbarungen, die die Rechte der Beschäftigten schützen und erstmals auch Tarifverträge anerkannt wurden, ab. Die Gründung der eigenen Leiharbeitsfirma und die sich daraus ergebende Praxis, brachte selbst die CDU/FDP Bundesregierung in Zugzwang und zwang Sie, solchen Praktiken einen Riegel vorzuschieben. Diese Niederlage des Patriarchen veranlasste ihn die Geschäftsführung an seine beiden Kinder zu übergeben. Die können sich nun mit den Folgen dieser Geschäftspolitik ihres Vaters herumschlagen und versuchen den Laden irgendwie wieder flott zu kriegen. Nachdem ver.di bei Schlecker endlich auch durch Vereinbarungen abgesichert, sich bei Schlecker etabliert hatte und die neuen Chefs eine Kehrtwende der Gewerkschaft gegenüber vollzogen, wurde aber immer mehr die wirtschaftliche Situation bei Schlecker offenbar. Offensichtlich schrieb das Unternehmen seit mehreren Jahren Verluste und hatte Rechnungen von Lieferanten spät oder manchmal gar nicht beglichen. Dementsprechend war auch die Bestückung der Filialen: die KundInnen standen immer häufiger vor leeren Regalen. Und dies vor dem Hintergrund, dass äußerst erfolgreiche Unternehmen wie DM und Rossmann Schlecker immer mehr Marktanteile abjagten und mit einem Geschäftsmodell des humanen Kapitalismus, genau das Gegenteil von Schlecker machen. Darüber hinaus bieten Sie mit ihrem Sortiment und der Gestaltung der Filialen den KundInnen eine wirkliche Alternative zum doch sehr bieder wirkenden Auftritt von Schlecker. Mit dem nun vollzogenen Insolvenzverfahren versuchen die Schlecker Geschwister nun zu retten was zu retten ist. So wird mit Sicherheit die Gründung von XXL Filialen und die Schließung von kleineren Filialen vorangetrieben. Dazu wird sicherlich der Insolvenzverwalter einen Plan vorlegen. Die Beschäftigten beziehen ihr Einkommen jetzt erst einmal 3 Monate von der Agentur für Arbeit und ein Teil der knapp 36.000 Beschäftigten könnte sich demnächst vielleicht dort auch als arbeitslos registrieren lassen. Für ver.di geht es um einiges: aufgrund der jahrzehntelangen Auseinandersetzungen ist Schlecker inzwischen eins der best organisierten Unternehmen im Einzelhandel. Mit einem Pleite gegangenen Unternehmen drohen auch die Errungenschaften verloren zu gehen. Deswegen ist es vollkommen berechtigt zu fordern, dass Anton Schlecker von seinem, den Beschäftigten abgepressten Milliardenvermögen, Geld in die Sanierung zu stecken. Ob dies allerdings reichen wird Schlecker am Leben zu halten darf bezweifelt werden. Dazu ist inzwischen der Abstand zu den Konkurrenten zu groß. Aber egal wie die Sache auch endet: wichtig ist das die Interessen der Beschäftigten geschützt werden und Sie nicht dem Schicksal der Erwerbslosigkeit überlassen werden.

Artikel von Helmut Born, Vorabdruck aus der SOZ - Sozialistische Zeitung vom Februar 2012


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