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Updated: 18.12.2012 15:51
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Der »Schwarz(e) Riese«

Lidl – Dimensionen eines Konzerns

Mit einem europaweiten Gesamtumsatz von rund 20 Milliarden Euro brutto, (Managermagazin, 9/2003) im vergangenen Jahr ist der Discounter Lidl eine der erfolgreichsten Ketten Europas. Die Kette ist Teil der Unternehmensgruppe Schwarz, Neckarsulm. Die Gruppe betreibt neben Lidl-Discount (ca. 6000 Filialen in Europa) die Vertriebslinien Kaufland SB-Warenhäuser (ca. 551 Filialen in Europa, Umsatz ca. 10 Milliarden Euro) und Handelshof-Concord-Verbrauchermärkte.
Die Unternehmensgruppe Schwarz gehört seit mehr als zehn Jahren zu den Aufsteigern und rangiert inzwischen in Deutschland auf Platz 5 unter den Top 10 des Lebensmitteleinzelhandels. Mit zweistelligen Umsatzzuwächsen (12 Prozent in 2003, lt. Schätzung der Gesellschaft für Konsumforschung; 15,1 Prozent zwischen 1998 und Jahresbeginn 2004, lt. McKinsey, 2/2004) gehört der Konzern nicht nur zu den führenden Unternehmen Europas, sondern auch weltweit: Mit geschätzten 30 Milliarden Euro Netto-Gesamtumsatz konzernweit (Wirtschaftswoche, 29. Januar 2004) steht die Schwarz-Gruppe derzeit auf Platz 25 der Weltrangliste der größten Handelskonzerne.

Expansionsmotor der Gruppe ist die Discount-Kette Lidl. Allein im vergangenem Jahr eröffnete Lidl europaweit 422 neue Filialen. Rund die Hälfte des Umsatzes erzielt Lidl inzwischen im europäischen Ausland. In der Unternehmensgruppe Schwarz arbeiten europaweit rund 85000 Beschäftigte, davon rund 60000 Beschäftigte bei Lidl.

Die Schwarz-Gruppe tritt derzeit bereits in 18 europäischen Ländern auf. Weitere Eröffnungen stehen in Kürze bevor. Das Unternehmen gehört somit zu den ökonomisch erfolgreichsten internationalen Handelsunternehmen.

In bundesweit 2500 Lidl Discount-Filialen und 23 Niederlassungen (Lager/Logistik, die im August 2004 aus dem Unternehmen ausgegliedert wurden) sind derzeit rund 35000 ArbeitnehmerInnen beschäftigt. In den 500 – 1000 m² großen Lidl-Filialen werden rund 1300 Artikel, darunter auch Obst, Gemüse, Tiefkühlkost und in neuen Läden auch Frischfleisch und Kosmetik angeboten. Knapp ein Drittel des Umsatzes erzielt Lidl mittlerweile im Non-Food Bereich, die Tendenz ist steigend. Lidl tritt dadurch auch zunehmend in Konkurrenz mit Verbrauchermärkten (Extra, Neukauf), SB-Warenhäusern (Real, Globus, Wal-Mart), Kauf- und Warenhäusern (Karstadt, Kaufhof) sowie dem Facheinzelhandel (besonders Textil-Einzelhandel).

Hinter dem undurchschaubaren, der Publizitätspflicht ausweichenden und mitbestimmungsfrei konstruierten Unternehmensgeflecht mit zahlreichen Beteiligungen steht der öffentlichkeitsscheue, 64-jährige schwäbische Unternehmer Dieter Schwarz. Einer der Hauptfinanziers der rasanten Lidl-Expansion und Mitglied im Beirat der Unternehmensgruppe ist der Drogerieunternehmer Anton Schlecker, Ehingen/Donau, der Anfang des Jahres 2004 Schwarz mit einem Kredit von ca. 75 Millionen Euro unterstützte.

Arbeitsbedingungen, Gewerkschaft und Betriebsräte

In Lidl-Filialen arbeiten in der Regel zwischen zehn und 25 Beschäftigte. Meist ist nur die Filialleitung vollzeitbeschäftigt. Selbst die Stellvertretung der Filialleitung und alle weiteren Beschäftigten sind Teilzeitbeschäftigte oder Minijob-Beschäftigte.

Die Arbeitsbedingungen in den Filialen sind schlecht, die Filialen sind chronisch unterbesetzt. Druck und Arbeitsbelastung sind für die überwiegend weiblichen Beschäftigten enorm. Lange Öffnungszeiten und unsoziale bzw. familienfeindliche Arbeitszeiten sowie Überstunden prägen den Arbeitsalltag. Überall müssen gravierende Verstöße gegen Tarifverträge und gesetzlichen Arbeitnehmerschutz festgestellt werden. Kontrolle und Überwachung von Beschäftigten stehen auf der Tagesordnung.

Niedrige Personalkosten bei Lidl und anderen Discountern erzeugen Druck auf die Arbeitsbedingungen und Betriebsräte im Handel insgesamt. Die Folgen sind Vernichtung von weiteren Vollzeitarbeitsplätzen durch Umwandlung regulärer Arbeitsplätze in geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, Stundenkürzungen mit weiteren gesellschaftlichen Auswirkungen wie hoher Arbeitslosigkeit und Finanzierungsprobleme in den Sozialversicherungen. Betriebsräte anderer Unternehmen haben in Folge dieser direkten Konkurrenz und der Dumping-Politik des Discounters Lidl bei der Interessenvertretung gegenüber ihren Arbeitgebern zunehmend erhebliche Probleme, wenn es um die Abwehr von massiven Verschlechterungen für »ihre« Be-schäftigten geht.

Beschäftigung bei Lidl ist gekennzeichnet durch Befristungen, nicht existenzsichernde Teilzeitstrukturen und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse. Tarifliche Bezahlungen sind nicht durchgängig gesichert, oft werden Tarifregelungen zur Arbeitszeit (min. drei Stunden täglich) missachtet. Besonders problematisch wirkt sich die dauerhafte Unterbesetzung auf die Arbeitszeiteinteilung und die Bezahlung tatsächlich geleisteter Arbeitszeiten (sog. »graue« Überstunden) aus.

Arbeits- und Leistungsdruck, mangelnde Arbeitsschutzvorkehrungen und dauerhafte Unterbesetzung prägen den Arbeitsalltag und wirken sich besonders hart auf schwangere, kranke oder ältere Beschäftige aus. In allen Filialen werden die Beschäftigten nicht nur an ihren Arbeitsplätzen kontrolliert und überwacht. Regelmäßig werden Kleidung, Spinde oder Privat-PKW kontrolliert und durchsucht. Abmahnungen, Androhungen und Druck durch Vorgesetze gehören zum regelmäßig angewandten Instrumentarium der Personalführung bei Lidl. Diese und weitere Methoden werden vor allem auch gezielt gegen gewerkschaftlich aktive Beschäftigte eingesetzt.
Die Unternehmensgruppe Schwarz ist zugleich einer der härtesten Gegner gewerkschaftlicher und betriebsrätlicher Interessenvertretung. Aus jahrelangen Erfahrungen mit der Schwarz-Gruppe sind alle denkbaren Formen der Gewerkschaftsunterdrückung und -behinderung bekannt. Seit rund 25 Jahren gibt es Versuche der gewerkschaftlichen Organisierung mit unterschiedlichem Erfolg. Lidl verhindert gezielt die Bildung von Betriebsräten im Filialbereich.

Bundesweit existieren derzeit lediglich sieben Einzel-Betriebsräte in Lidl-Filialen. Lediglich in den Lidl-Niederlassungen (Lagern) konnten, allerdings vor deren Herauslösung aus dem Konzern im Sommer 2004, in 15 von 23 Niederlassungen Betriebsräte gewählt werden.

Auswirkungen auf Einzelhandelsstruktur und Kunden

Die Ansiedlung von Lidl und weiteren Discountern verändert örtliche Einzelhandelsstrukturen enorm. Besonders Innenstädte, Stadtteile und Umlandgemeinden verlieren Einkaufsmöglichkeiten und fußläufige Versorgung. Leidtragende sind Ältere, Behinderte, Arme, Menschen ohne PKW, Frauen mit kleinen Kindern, die nur eingeschränkt beweglich sind. Zwischenzeitlich bilden sich an verschiedenen Orten auch Bürgerinitiativen gegen die Ansiedlung von neuen Lidl-Filialen. Verbraucherschutzorganisationen warnen vermehrt vor gezielter Irreführung, vorgetäuschten Rabatten und Fehlkäufen bei Discountern.

Konkurrenz schafft Lidl und die Unternehmensgruppe auch durch gezielte Angriffe auf Ladenschlussregelungen und die volle Ausschöpfung der gesetzlich höchstzulässigen Ladenöffnungszeiten zwischen 6 Uhr und 20 Uhr montags bis samstags und zahlreiche Sonntagsöffnungen. Mitbestimmung der ArbeitnehmerInnen bei Beginn und Ende der Arbeitszeiten gibt es mangels Betriebsräten in den Lidl-Discount-Filialen nicht.

Durch die enorme Expansion und deren Auswirkungen auf die Konkurrenzunternehmen bestimmt Lidl auch die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel wesentlich mit. Über die niedrigen Personalkosten übt Lidl deutlichen Kostendruck auf Konkurrenzunternehmen und andere Vertriebslinien des Einzelhandels aus. Die Personalkosten betragen bei Discountern, wie Lidl, durchschnittlich 3 – 4 Prozent; bei SB-Warenhäusern 6 – 9 Prozent, bei Kauf- und Warenhäusern 11 – 15 Prozent und im Facheinzelhandel bis zu 20 – 25 Prozent des Netto-Umsatzes.
Die Schwarz-Gruppe tritt mit ihrer Discount-Schiene Lidl und mit ihren weiteren Vertriebsschienen Kaufland und Handelshof extrem marktaggressiv auf. Besonders gegenüber den unmittelbaren Konkurrenten im Discount-Lebensmittelbereich (Minimal, HL, Penny, Kaiser’s Kaffee, Tengelmann-Plus, Aldi, Norma) hat Lidl eine harte Preis- und Flächenkonkurrenz eröffnet.

Achim Neumann

Erschienen im express, Zeitschrift für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 9/04


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