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Stahl - Informationen

Nr. 2 / 2001 - 20. Jahrgang Dortmund, den 26.02.2001

 

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Die geplante Fusion von Usinor, ARBED und Aceralia forciert den Konzentrations-prozeß in Europa und bedroht Arbeitsplätze !
Für eine umfassende Analyse der Auswirkungen dieser Superfusion fehlen derzeit noch umfassendere Informationen. Dennoch soll hier der erste Versuch gemacht werden.
Mit diesem geplanten Zusammenschluss, der sich bis zum Herbst vollständig realisieren soll, sind 3 wesentliche Punkte verbunden:

Durch die geplante Fusion, die sich in den anfänglichen Verhandlungen nur auf den Edelstahlsektor beziehen sollte, entsteht der größte Stahlkonzern der Welt. Mit einer Jahresproduktion von 43,9 Mio to und 54 Mrd. DM, sowie 110 000 Beschäftigten verdrängt der neue Konzern NewCo (so soll er für die Übergangszeit heißen) den japanischen Nippon-Steel mit 28,1 Mio to vom ersten Platz. Nach Posco (Korea) mit 27,5 Mio to, Ispat (Großbritannien und Indien) mit 20,0 Mio to, Corus (Großbritannien/Niederlande) mit 19,6 Mio to würde Thyssen Krupp mit 18 Mio to an sechster Stelle in der Welt stehen.

Darüberhinaus soll die erst im Januar unterschriebene Kooperation zwischen Usinor und Nippon Steel auf die neue Gruppe ausgeweitet werden.

Verglichen mit den Zulieferern und Kunden steht der Konzentrationsprozess in der Stahlindustrie bislang noch am Anfang. So stellen die 10 größten Weltstahlhersteller nur 30% der Weltstahlproduktion und weniger als 40% des Flachstahls her, während die 10 größten Automobilhersteller 95% und die 10 größten Produzenten von Weißblechwaren 80% der Weltproduktion behaupten.

Der neue Konzern erhält eine Spitzenposition bei Flachstahl (50% Anteil der 3 Unternehmen) mit einem Umsatz von 15 Mrd. Euro und rund 40% Marktanteil, bei Langstahl (15%) einen Umsatz von 4 Mrd. Euro, bei rostfreien Stahl (16%) 5 Mrd. Euro und in der Sparte Vertreib, Handel und Weiterverarbeitung(19%) rund 6 Mrd. DM.

40% Marktanteil bei Flachstahl

Im Flachstahlbereich gab es zwar in 2000 einen Rekordumsatz mit ca. 12% Steigerung bei hohen Preisen, aber dieser Bereich leidet im großen Maße an den Überkapazitäten. Zwar boomt derzeit der Bereich der Röhren (Salzgitter nach der Übernahme von Mannesmann), aber in den anderen Bereichen sind aus Unternehmersicht weitere Einschnitte notwendig. Jeder versucht die Nase durch Modernisierung vorn zu haben. So baut z.B. einerseits Thyssen Krupp seine Kapazitäten durch die Schließung des Warmwalzwerkes in Dortmund ab, schafft aber gleichzeitig in Duisburg durch eine moderne und kostengünstige Gießwalzanlage neue Kapazitäten. Bei den Stahlwerken Bremen wurden 1,3 Mrd. DM investiert und damit die Stahlkapazitäten um ca. 20 % gesteigert.

Die Fusion ist ein weiterer Schritt der Beherrschung des Marktes durch wenige Anbieter. Der Markt in Frankreich, Spanien und Benelux wird von NewCo kontrolliert, hinzu kommen Standbeine in Deutschland durch die Stahlwerke Bremen und EKO-Stahl (als Tor zu den Ostmärkten), sowie Lieferungen nach Norditalien durch Fos sur Mer (bei Marseille). NewCo wird damit im Preiswettbewerb eine führende Rolle übernehmen.

Thyssen Krupp wird bei Edelstahl von der 1.Stelle verdrängt

Mit einer Produktion von 3,5 Mio to und damit 17% Marktanteil wird Thyssen Krupp von seiner bisherigen Marktführerposition verdrängt. Usinor und ARBED reagierten ja ursprünglich mit den ersten Gesprächen auf den fortschreitenden Konzentrations-prozess im Edelstahlsektor. Der Markt ist hier auf 4 bedeutende Gruppen verteilt: Usinor/Arbed mit ihren Töchtern ALZ und Ugine, Thyssen Krupp mit Unternehmen in Deutschland und Italien, die im letzten Jahr entstandene Gruppe Avesta-Sheffield-Polarit und die spanische Acerinox.

Gewinnerwartung durch Synergie...

Die 3 Unternehmen erwarten große Synergiepotentiale in der Produktion, im Vertrieb im Einkauf und im Management. Die jährlichen Kosteneinsparungen in Höhe von 300 Mio Euro ab 2003 sollen bis zum Jahr 2006 progressiv auf 700 Mio Euro angehoben werden. Auch bei den Investitionen sollen im vergleich zu den bisherigen Einzelmaßnahmen bis 2006 rund 350 Mio Euro eingespart werden. Das bedeutet: keine Parallelinvestition und Konzentration auf die leistungsstärksten Standorte !

Der Wert der Synergien wird auf 2 Mrd. Euro geschätzt und soll auf Grundlage der jeweiligen Beiträge aufgeteilt werden.

....und Kapitalisierung an der Börse

Die Aktien der 3 Unternehmen wurden nach der Fusionsmeldung sofort ausgesetzt. "Jegliche Nachrichten über Konzentration in dieser stark zersplitterten Branche sind gut Nachrichten", hieß es zustimmend an der Börse. Das Umtauschverhältnis beträgt 8 Aktien der NewCo für 7 Aceralia-Aktien, 10 für eine ARBEd-Aktie und 1 für 1 Usionor-Aktie. Dieses Umtauschverhältnis entspricht den Kapitalbeteiligungen der Altaktionäre von 20,1 % Aceralia, 23,4% ARBED und 56,5% Usinor. Aber Stahl ist auf dem Börsenparkett nicht sehr beliebt, das hat Thyssen Krupp Steel im letzten Jahr bitter erfahren müssen. Höchsten einmal die Meldungen über die Stilllegung von Hochöfen lassen die Aktien ein bis zwei Prozentpunkte steigen. "Stahl wirkt wie ein Werkstoff von gestern mit den Börsenfantasien von vorgestern", so ein Analyst. So hat der US-Konzern US-Steel am Aktienmarkt einen Wert von 1,3 Mrd. Dollar – nominal unwesentlich mehr als 1902. Der neue Dreierbund wird es auf einen Börsenwert von 58 Mrd. Euro bringen (Thyssen Krupp 11 Mrd. Euro). Die rechnerische Börsenkapita-lisierung soll aber auf Grundlage der Börsenkurse vom 15.2.2001 über 5 Mrd. Euro betragen!

Zukünftige Gewinne werden also nicht unbedingt mehr durch Produktion, sondern mehr durch Synergieeffekte und Kapitalisierung an der Börse gemacht !

Auswirkungen auf die Arbeitsplätze

Die 3 Unternehmen sind schon jetzt in insgesamt 65 Ländern tätig. Fusionen haben in der Regel immer massive Arbeitsplatzvernichtung zur Folge. Bei der Fusion zwischen British Steel und Hoogovens zu Corus sind allein ein Fünftel der Fertigungskapazitäten gestrichen worden ! – ohne dass sich der neue Konzern erfolgreicher in Europa platzieren konnte.

So kündigte der alte Usinor-Chef und der neue von NewCo, Francis Mer, sofort an, der Konzern werde sich von Firmenteilen trennen – entweder durch Auflagen der EU-Kommission oder aufgrund von Standortreduzierungen. Doch dieser Prozess wird nicht ohne Probleme vollzogen werden können.

Zwar gibt es besonders in Nordfrankreich und in Belgien veraltete Anlagen, aber in Nordfrankreich steht die mächtige Metallarbeitergewerkschaft gegen den Abbau. In Belgien soll das Stahlwerk in Charleroi stillgelegt werde. Hier hat aber Usinor aus der Vergangenheit noch ein Klotz am Bein. Bei der Übernahme des belgischen Stahlkonzerns Cockerill Sambre wurden der wallonischen Regierung weitgehende Bestands- und Arbeitsplatzgarantien gegeben. Bei der Übernahme im Februar 1999 wurde die Vernichtung von 2 500 Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2002 angekündigt und bislang 178 Mio Euro Verlust gemacht.

In Deutschland gehörte bislang EKO-Stahl zu Usinor und die Stahlwerke Bremen und das Stahlwerk Thüringen zu ARBED. Die Auswirkungen hier sind bislang nicht abzusehen. Interessant ist allerdings, dass am Tag der Bekanntgabe der Fusion sich Vertreter von ARBED in Bremen bei der Stadt aufhielten und Verhandlungen über den Aufkauf des 30%igen Anteils der landeseigenen Hibeg aufnahmen. Der Bremer Stahlwerks-Chef Belche macht in Optimismus und sieht im Flachstahlbereich sowohl für das Bremer Werk wie auch für Eko-Stahl die Daseinsberechtigung.

Usinor wollte in der Vergangenheit bereits seinen Anteil aus der Dillinger Hütte (Grobblech) herausziehen und ARBED hatte noch einen geringen Anteil an der Saarstahl AG. Welche Auswirkungen das hat, ist auch noch nicht abzusehen.

Die Salzgitter AG ("Wir erwarten durch die Fusion eine Stabilisierung der Stahlindustrie Europas" – unlängst noch mit ARBED im Gespräch) und Thyssen Krupp (Fusion mit Usionr unlängst gescheitert) begrüßen die Fusion. Thyssen Krupp verkündet selbstsicher, im Gegensatz zu NewCo, die ihre Standorte in ganz Europa verstreut hätten, habe man seine Aktivitäten schon auf einen Standort konzentriert und dadurch erhebliche Vorteile.

"Die Fusion ist zwar ein weiterer Höhepunkt, aber noch lange nicht der Schlusspunkt für die Konsolidierung der Branche".- so ein Stahlexperte. Sie bedeutet für uns eine genaue Beobachtung der weiteren konkreten Planungen der NewCo.

Der Kampf um die Arbeitsplatzvernichtung fordert eine weitere Vernetzung über die Ländergrenzen hinaus !

 

Aus den Betrieben:

Thyssen Krupp Stahl AG:

Unter dem Druck der Fusion von NewCo werden Gespräche mit verschiedenen Stahlherstellern weltweit geführt mit dem Ziel Kooperation auf den Gebieten Technik und Forschung und Entwicklung. Dabei spielt die Nähe zum Kunden der Automobilindustrie eine wichtige Rolle. Schwerpunktmäßig werden Gespräche mit den US-Konzernen National Steel und AK Steel sowie mit den Japanern NKK und Kawasaki Steel geführt.

Salzgitter AG:
Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) :

Mit 3300 Beschäftigten soll der Jahresausstoß um 500 000 auf 5,6 Mio to in 2001 gesteigert werden. Investitionen von 80 Mio Euro sollen u.a. in eine "Twin"-Stranggussanlage fließen, die jährlich 700 000 to schmaler Brammen liefern soll.

 

Brandenburger Elektrostahlwerk GmbH:

Das BR-Info befasst sich u.a. mit Personalkonzept, Kritik a. d. Belegschaftsversammlung.


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