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Updated: 18.12.2012 15:51
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Fabrik-"Sit-in": Zum ersten Mal seit Jahrzehnten reagieren Arbeiter in den USA auf ihre Entlassung mit einer Fabrikbesetzung

Seit dem vergangenen Freitagmorgen weigern sich die 260 Arbeiter der Firma "Republic Windows and Doors" in Chicago , nachhause zu gehen. Stattdessen übernachten sie, in drei Schichten organisiert, mit Schlafsäcken in der Produktionshalle, verteilen tagsüber an Passanten Flugblätter, geben der verdutzten Presse Interviews und halten Plakate hoch, auf denen es heisst "You got bailed out, we got sold out" (Ihr wurdet ausbezahlt, wir ausverkauft). Organisiert ist die Betriebsbesetzung von den Mitgliedern der örtlichen Branche 1110 der Gewerkschaft "United Electrical, Radio and Machine Workers of America" (www.ueunion.org externer Link).

Ein Hintergrund des Protests, der "sit-in" genannt wird, ist die Weigerung der zweitgrössten USA-Bank "Bank of America", der Firma Kredite zu geben, und das, obwohl die Bank erst vor wenigen Wochen vom USA-Finanzministerium ein "bailout" von 25 Milliarden Dollar erhalten hat. Weiterhin stellte sich heraus, dass das Ehepaar Gillman, dem die Firma gehört, im Bundesstaat Iowa vor zwei Jahren ein ähnliches Werk mit gewerkschaftlich unorganisierten Arbeitern aufgekauft hat. Viele Arbeiter vermuten deshalb, dass auf ihre Kosten zwischen Bank und Firmenleitung stillschweigend ein "Deal" ausgehandelt wurde: die Verlagerung der Firma.

Anlass für die Besetzung die Empörung, die die Firmenleitung vor am vergangenen Mittwoch, drei Tage vor dem Schliessen der Firmentore, ausgelöst hatte. Ohne Vorwarnung waren sämtliche Arbeiter von ihrer Entlassung informiert worden. Darüberhinaus weigert sich "Republic Windows and Doors", die gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubsfortzahlungen beziehungsweise 60 Tageslöhne im Falle einer Werksschliessung zu zahlen. Der durchschnittliche Stundenlohn in der Firma beträgt 14 Dollar. Dazu kommen eine Betriebskrankenversicherung und Betriebsrente.

Nach dem die Besetzung über das Wochenende durch die Massenmedien ging, erklärten Politiker fast jeglicher Couleur den protestierenden Arbeitern ihre Solidarität. Sogar "president-elect" Barack Obama erklärte am Sonntag sein Verständnis. Die "Situation" sei bezeichnend für den Zustand der Wirtschaft, er meine, "dass die Arbeiter, wenn sie ihren Lohn und ihre Fortzahlungen verdient haben", zurecht in den Streik getreten seien. Die Firmen müssten die vertraglichen Vereinbarungen einhalten. Der Bezirkskämmerer Mike Quigley drohte sogar an, die Geschäftsbeziehungen zwischen dem Bezirk und der "Bank of America" ganz einzufrieren.

Nachdem am Montag erste Verhandlungen zwischen Bank, Geschäftsleitung und Gewerkschaft gescheitert waren, sollte am Dienstagnachmittag (Ortszeit) unter Vermittlung von Behördenvertretern ein weiterer Versuch zur Beendigung des Arbeitskampfs stattfinden.

Der Arbeitskampf hat nicht nur in der gesamten USA-Presse Wellen geschlagen. Auch Gewerkschaftsvertreter und Betriebsräte verfolgen die Besetzung mit grossem Interesse mit. Nach Auffassung Vieler sind der Verlauf und der Ausgang erst ein erster Hinweis darauf, was sich in den krisengeschüttelten Land in den kommenden Monaten im Produktionsbereich entwickeln wird.

Artikel von Max Bohnel, radio and print journalist / New York, zuerst erschienen im Neues Deutschland vom 10.12.2008


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