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Updated: 18.12.2012 16:07
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Tod von zwei Jugendlichen - Auslöser für Unruhen, nicht deren Ursache

Überarbeitete Fassung eines Artikels, der am 28.11.2007 in der Internetzeitschrift ,telepolis' erschienen ist

Am Mittwoch früh konnten die französischen Medien mit sichtlichem Aufatmen vermelden, die vorausgegangene Nacht sei "in Villiers-le-Bel und Umgebung relativ ruhig" verlaufen. Es habe sich "um die erste ruhige Nacht seit dem Tod zweier Heranwachsender " am späten Sonntag Nachmittag gehandelt, verlautbarten Presse, Nachrichtenagenturen und Präfektur unisono. "Nur einige brennende Mülltonnen und insgesamt ein paar Dutzend angezündete Autos" im Département seien zu verzeichnen gewesen, fügte die Präfektur - die juristische Vertretung des Zentralstaats auf Bezirksebene, welche die Polizei-, Ausländer- und andere Behörden leitet - hinzu. Seitdem am späten Sonntag Nachmittag die beiden Jugendlichen Larami (16) und Moushin (15) beim Zusammenstoß ihres Cross-Kleinmotorrads mit einem Polizeiauto ums Leben kamen, war der Pariser Vorstadt Villiers-le-Bel und ihren Nachbarstädten "so viel Ruhe" nicht mehr vergönnt gewesen. Am Mittwoch tagsüber stellte die Pariser Abendzeitung ,Le Monde' ihre Eindrücke vom Vorabend aus Villiers-le-Bel unter die Überschrift: "Die Polizei ist überall, die Jugendlichen sind nirgendwo" (unter Abwandlung einer berühmten Parole von Polizeistaatskritiker: , Police partout, justice nulle part ', vom Sinn her: "Polizei & Justiz überall, Gerechtigkeit nirgendwo'.))

Am Nachmittag des Dienstag lautete eine erste Bilanz der Unruhen in der Banlieue-Stadt während der zwei vorausgehenden Abende und Nächte auf 82 verletzte Polizisten. Unter den verwundeten Polizisten waren vier, die mit schwereren Verletzungen infolge von Schrotbeschuss stationär behandelt werden mussten. Auch Journalisten waren wiederholt körperlich angegriffen worden, aufgrund "der ständigen Lügen in den Medien", so bezogen der Sonderberichterstatter von ,Le Monde' und ein Journalist der Gratistageszeitung , 20 minutes' sowie ein Kamerateam Prügel. Mehrere öffentliche Gebäude, darunter eine noch nicht fertiggestellte Polizeiwache in Villiers-sur-Bel, aber auch eine Bibliothek, sowie private Geschäfte wie das eines örtlichen Autohändlers waren ausgebrannt. In einer Nachbargemeinde war die örtliche Polizeiwache geplündert worden, so dass viele der an den Unruhen teilnehmenden und zum Teil in Bandenstrukturen organisierten Jugendlichen sich am darauffolgenden Tag mit Schildern und Helmen der Bereitschaftspolizei (CRS) ausstaffieren konnten. Manche Einwohner sprechen sarkastisch von "Krieg", ein Ausdruck, der aber auch von den Angehörigen mancher Jugendgangs provozierend zur Beschreibung der Vorfälle und des Ist-Zustands benutzt wird.

Am gestrigen Mittwoch Abend herrschte weiterhin eine "prekäre Ruhe", so übereinstimmende Medienberichte von heute früh. Ein massives Polizeiaufgebot von nahezu 1.000 Uniformierten, die aus der gesamten Großregion (Ile-de-France) zusammengezogen worden waren, sollte das eventuelle Aufflammen von Unruhen im Keim ersticken. Zwei Hubschrauber kreisten die ganze Nacht über Villiers-le-Bel und tauchten Wohnsiedlungen und Straßen in ihre Lichtkegel. Vor Ort wurde nun auch die Elite-Sondereinheit der französischen Polizei RAID, vergleichbar mit dem deutschen Sonderkommando GSG9, eingesetzt und suchte mit ihren Spezialkameras nach eventuellen Schützen.

Am Donnerstag früh hieß es, in der vorausgehenden Nacht seien nur halb so viele Autos und öffentliche Gebäude in der Umgebung angezündet worden wie in jener zuvor. Unterdessen waren bereits die ersten Schnellgerichtsurteile gegen acht Teilnehmer an den Unruhen, (männliche) Jugendliche oder jugendliche Erwachsene, gefällt worden: von drei zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung.

1. Der Kontext

Villiers-le-Bel mit seinen rund 26.000 Einwohnern liegt 18 Kilometer nordöstlich von der französischen Hauptstadt, im äußersten Süden des Bezirks Val-d'Oise (Tal der Oise). Es handelt sich nicht um eine in jüngerer Zeit aus dem Boden gestampfte Plattenbausiedlung mit großen Dimensionen, wie man sich die Pariser Trabantenstädte gemeinhin vorstellt. Der Wohnbezirk La Tolinette, wo die Ereignisse am Sonntag Abend ihren Ausgang nahmen, weist überwiegend dreistöckige Wohnhäuser auf, benachbarte Hochhausviertel können auch einmal zehn Etagen haben. Es handelt sich weder um eine Nachahmung Chicagos noch um die Bronx à la française. Die Bevölkerung ist eher durchmischt, auch wenn der Anteil von Migranten und Franzosen mit Migrationshintergrund höher liegt als im Durchschnitt der französischen Bevölkerung.

Auf die Architektur lässt es sich also nicht schieben, wenn Probleme auftauchen, ebenso wenig wie auf eine "Ghettosituation". Die Kriminalität hält sich gemeinhin in den "üblichen" Grenzen, Raubüberfälle sind keineswegs an der Tagesordnung; Ladenbesitzer im Quartier La Tolinette erinnern sich an eine einzige bewaffnete Aggression in zwanzig Jahren. Dennoch stößt man dicht unter der Oberfläche auf die Glut eines sozial bedingten Zorns, der nicht allein die Einwohnerschaft von Villiers-le-Bel - oder genauer, relevante Teile von ihr - auszeichnet, sondern sie mit Teilen der Bewohner zahlreicher vergleichbarer Städte und Siedlungen verbindet.

Villiers-la-Bel wurde, als Dorf, bereits im ersten Jahrhundert vor Christus gegründet. Um diesen historischen Kern herum entstand seit dem späten 19. Jahrhundert, nachdem die Eisenbahn das Städten - das damals noch in ländlicher Idylle lag - erreicht hatte, eine Arbeiter- und Angestelltensiedlung. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Villiers-le-Bel rund 2.000 Einwohner, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es rund 4.000. Dann aber wuchs ihre Zahl auf rund 12.000 zu Anfang der scchziger Jahre, und rund 20.000 knappe zehn Jahre später. Ab den achtziger Jahren war die heutige Einwohnerzahl, in ungefähren Ausmaßen, erreicht. Um die neuen Einwohner unterzubringen, wurden neue Siedlungen, Wohn- und Hochhäuser errichtet, aber keineswegs in "monströsen" architektonischen Dimensionen.

Die Stadt expandierte so lange, wie der Großraum Paris ein immenses Arbeitsplatzreservoir bot. Dabei bot sie den "Standortvorteil" einer Wohnsituation nahe am Grünen, etwas außerhalb des Pariser Ballungsraums. Villiers-sur-Bel zählt nicht zum ersten Gürtel der Vorstädte rund um Paris, sondern bereits zum dritten Gürtel: Die erste Zone besteht aus den alten Arbeiterstädten wie Aubervilliers, La Courneuve oder Saint-Denis, die ab den sechziger Jahren zum Auffangbecken für die zunehmend (im Zuge der Stadterneuerungsprozesse) aus der Stadt Paris hinaus gedrängten ärmeren Klassen und unteren Mittelschichten wurden. Oft wurde dieser Prozess, wie in Nanterre, vom Bau neuer, größerer Kollektivsiedlungen begleitet. Den zweiten Gürtel bilden weiter außerhalb liegende Vorstädte, die bereits etwas früher zu "Experimentierfeldern" für neue Wohn- und Unterbringungsformen und zur Gründung neuer Siedlungszentren geworden waren - wie etwa Sarcelles, das unmittelbar südlich an Villiers-le-Bel angrenzt. In Sarcelles wurde ab 1954 das erste Hochhausbauprogramm im Raum Paris gestartet. Zunächst war dieser Prozess durchaus von Zukunftsoptimismus begleitet, da man glaubte, auf diesem Wege das Problem der Wohnungsnot lösen und gleichzeitig komfortablere Wohnbedingungen bieten zu können - da die Appartements in den neu errichteten Hochhäusern größer und moderner ausfielen als jene in den Altbauten. Erst später fand das "Umkippen" der neu errichteten Siedlungen in so genannte "soziale Brennpunkte" statt. Soziale Probleme und Verwerfungserscheinungen sowie das Anwachsen der Kriminalität wuchsen und nahmen stellenweise überhand, als für viele Einwohner dieser Siedlungen die Arbeit "weg blieb" und jene, die es sich leisten konnten, in zunehmendem Ausmaß wegzogen.

Den dritten Gürtel, noch ein wenig weiter vom Pariser Stadtkern entfernt, bilden Trabantenstädte wie Villiers-le-Bel, die dereinst wegen der halb ländlich erscheinenden Wohnlage geschätzt worden waren. Nachdem die Arbeiter- und Angestelltenbevölkerung sich zum Teil in eine Arbeitslosenbevölkerung zu verwandeln begann und die übrigen oft in ein Dasein als Niedriglöhner abgedrängt wurden, wurde die Wohnsituation "außerhalb" für viele Einwohner - und für ihre Kinder und Jugendlichen - zunehmend in eine Art geographisches Gefangenendasein. Wer keine Arbeit und gleichzeitig kein Auto hat oder sich die relativ teuren Verbindungen mit öffentlichen Transportmitteln etwa nach Paris nicht (länger) leisten kann, kommt kaum mehr vom Fleck. Die Idylle verwandelt sich in eine Ödnis, wenn man de facto gezwungen ist, sich Tag und Nacht dort aufzuhalten.

In Villiers-le-Bel arbeiten viele der männlichen Einwohner auf dem Bau, die Frauen verdingen sich als Putzfrauen. 40 Prozent der Bewohner sind unter 25 Jahre alt. 30 Prozent der Jugend und jungen Erwachsenen sind arbeitslos. Aus diesem Grunde öden sich viele Jugendliche an und heizen etwa auf Crossmotorrädern durch die Gegend, wobei viele Anwohner just monieren, öffentliche Mittel würden derzeit für ein neues Polizeikommissariat in der Stadt statt für die Errichtung eines geeigneten Crossgeländes ausgegeben.

Die beiden getöteten Jugendlichen vom Sonntag waren dabei gar nicht einmal arbeitslos oder am Rande der Gesellschaft stehend: Der ältere von beiden, der 16jährige Larami, absolvierte eine Bäckerlehre. Der jüngere, Moushin, hätte am darauffolgenden Tag eine Ausbildung als Klempner beginnen sollen. Die beiden stammten aus Einwandererfamilien, die mutmaßlich aus dem Senegal oder Mali nach Frankreich gekommen waren. Ihre Familie waren dabei nach ihrem Tod sehr aktiv und richteten etwa am Spätnachmittag des Montag eine eigene Pressekonferenz aus.

2. Das auslösende Ereignis

Am Sonntag gegen 17 Uhr krachte ein Crossmotorrad, im Französischen als ,mini-moto' bezeichnet, auf einer der Hauptstraßen von Villiers-le-Bel mit einem Polizeifahrzeug zusammen. Den feststellbaren Schleifspuren zufolge kam das Auto rund 25 Meter nach dem Zusammenprall zum Stehen. Die beiden Jugendlichen, die auf der Crossmaschine saßen und keinen Sturzhelm trugen, wurden durch die Luft geschleudert und waren sofort tot. Herzmassagen, die von einer als Krankenschwestern arbeitenden Anwohnerin am Unfallort vorgenommen wurden, blieben erfolglos.

Um die genauen Umstände und Hintergründe der Kollision, aber auch um das Verhalten der Polizei in den Minuten unmittelbar danach ranken sich widersprüchliche Informationen und Gerüchte, die vorläufig nicht identifizierbar sind. Die Behörden geben an, das Polizeiauto sei zum Kollisionszeitpunkt mit einer Geschwindigkeit von 40 bis 50 Stundenkilometern - ohne Blaulicht und Martinshorn - gefahren, als das Crossmotorrad es von links her kommend gerammt habe. An einer Abbiegung habe sich das ,mini-moto' dem Polizeifahrzeug genähert, ihm jedoch die Vorfahrt genommen, die es ihm nach dem "Rechts-vor-Links"-Prinzip hätte gewähren müssen, und sei ihm dann in die vordere linke Seite hinein gefahren. So weit die polizeiliche Version.

Ihr widerspricht jedoch der Zustand des Autos, das in diesen Tagen unzählige Male auf diversen Kanälen gezeigt worden ist: Die Vorderseite des Polizeiautos ist weitgehend zerstört, die Motorhaube völlig eingedrückt, die Fensterscheibe zersplittert, das Kennzeichen ist abgerissen. Es befindet sich also in einem Zustand, der kaum vom Zusammenprall zwischen einem relativ gemächlich fahrenden Auto und einem von der Seite her kommenden Crossmotorrand herrühren kann - vor allem nicht, weil der Schaden sich nicht auf die vordere linke Ecke beschränkt, sondern die rechte Seite des Wagens ebenso beschädigt ist wie die gegenüberliegende.

Die Polizei hat darauf jedoch eine Antwort. Jugendliche Randalierer - so hieß es dazu ab Montag tagsüber - hätten das abgestellte und beschädigte Polizeiauto zu einem späteren Zeitpunkt, unter Zuhilfenahmen von Eisenstangen, weiter demoliert. Dabei hätten sie im Nachhinein die realen Spuren des Unfalls verwischen wollen, um die These eines absichtlich herbeigeführten Auffahrunfalls und damit eine faktische Mordanklage gegen die Insassen des Polizeifahrzeugs untermauern zu können. Es handele sich also um das Ergebnis nachträglicher Manipulation mit tätlichen Mitteln.

Dumm nur, dass diese plausibel klingende These durch den Amateur-Videofilm eines Anwohners, dessen Existenz am Mittwoch um die Mittagszeit dem Publikum über die Homepage der Pariser Abendzeitung ,Le Monde' bekannt gemacht wurde, möglicherweise widerlegt wird. Interessant an dem Video, das der vor Ort weilende Berichterstatter von ,Le Monde' laut eigenen Angaben erstmals am Sonntag Abend und dann ausführlich am Dienstag ansehen konnte, ist vor allem der Zeitpunkt seiner Aufnahme. Der für die beiden Jugendlichen tödliche Unfall wurde den Notfalldiensten am vergangenen Sonntag um 17.03 Uhr gemeldet. Um 17.08 Uhr fuhr ein Krankenwagen von der fünf Kilometer entfernten Klinik der Nachbarstadt Gonesse aus los, der nach Berechnungen der Zeitung um circa 17.18 Uhr am Unfallort eingetroffen sein muss. Auf dem Video sieht man diesen Krankenwagen "einige Minuten" nach Drehbeginn eintreffen. Der, auf eigenen Wunsch hin vorerst anonym bleibende, Urheber des Amateurfilms muss um circa 17.15 Uhr, spätestens eine Viertelstunde nach der Kollision, zu filmen begonnen haben. Man sieht zahlreiche Anwohner herum stehen, die mehrere Feuerwehrleute umgeben, welch letztere den am Boden liegenden Jugendlichen erste Hilfen zu leisten versuchen und Herzmassagen vornehmen. Auch Polizisten sind auf dem Videostreifen zu sehen. Unwahrscheinlich, dass sich in dem relativ kurzen Zeitraum, der an dieser Stelle seit dem Unfall vergangen ist, Jugendliche bereits mit Eisenstangen bewaffnen und das beschädigte Polizeiauto weiter zerstören konnten. Unter den Augen der zahlreichen Umstehenden, von Anwohnern, Feuerwehr und möglicherweise der Polizei selbst?

Zudem erklärten verschiedene Augenzeugen mehrfach gegenüber dem Berichterstatter, sie hätten "alles getan", um das Unfallfahrzeug gegenüber dem Zugriff von wem auch immer zu schützen - um eine spätere Rekonstruktion der Spuren des Unfallhergangs zu ermöglichen.

Fraglich bleibt, ob die Schäden an der Vorderseite des Fahrzeugs möglicherweise vom Aufprall der Körper der beiden Jugendlichen - die mutmaßlich vom Aufprall auf die Motorhaube des Autos geschleudert wurden, und von dort aus zu Boden fielen - verursacht worden sind. Oder aber ob der Hergang der Kollision möglicherweise doch anders verlief, als er bislang dargestellt worden ist. Unklar besteht um eine Äußerung des Vaters eines der beiden Unfallopfer, der wenige Stunden nach dem Bekanntwerden des tödlichen Unglücks sinngemäß vor den Kameras äußerte: "Die Polizisten haben meinem Sohn zwei Stunden vor dem Zusammenstoß gesagt: Wenn wir Dich noch einmal mit diesem Crossmotorrad erwischen, dann fahren wir Dich über den Haufen." Die Szene mit dieser Aussage wurde am Montag tagsüber einmal kurz im französischen Fernsehen gezeigt, verschwand jedoch später aus den Nachrichten- und Sondersendungen. Überprüfbar ist diese Information momentan nicht, ebenso wenig wie die als Gerücht in Villiers-le-Bel zirkulierende Nachricht, wonach die beiden verstorbenen Jugendlichen am Tage ihres Todes zwei mal schikanösen Kontrollen unterzogen worden seien. Zweifellos ist, vor dem Hintergrund der dramatischen Kollision vom Sonntag Nachmittag, auch die örtliche Gerüchteküche wild am Brodeln. Eventuell ist denkbar, dass auch der Vater eines der Opfer, über Aussagen anderer Jugendliche, von den umlaufenden Gerüchten beeinflusst worden sein könnte. Ebenso können seine Aussagen aber auch einen wahren Kerngehalt haben. Bis zum Nachweis des Gegenteils ist derzeit davon auszugehen, dass es sich um einen Unfall handelte - der Vorwurf eines vorsätzlichen Totschlags müsste sich schon auf konkrete Indizienelemente stützen können, die bislang noch nicht verfügbar sind.

Hinzu kommt jedoch eine zweite Ebene, auf der den Polizisten Vorwürfe bezüglich ihres Verhaltens gemacht werden: Die Beamten hätten sich nach dem für die beiden Jugendlichen tödlichen Vorfall sofort zurückgezogen, ohne den 15- und 16jährigen Unfallopfern Erste Hilfe zu leisten. Ein zweites Polizeiauto, so berichteten Anwohner, sei nach kurzer Zeit gekommen und habe die im Unfallauto sitzenden Beamten abtransportiert, ohne sich um die Jugendlichen zu kümmern. Erst einige Zeit später seien, mit den Feuerwehrleuten und den medizinischen Hilfsdiensten, wieder Polizeibeamte in die Nähe des Unfallorts gekommen. Diese Information kann momentan nicht genau überprüft werden; in der Dienstagsausgabe von ,Libération' gab ein Anwohner an, zwei Polizisten beim Versuch einer Herzmassage für die beiden Jugendlichen gesehen zu haben. Der Vorwurf der "unterlassenen Hilfeleistung" ist allerdings momentan in Villiers-le-Bel äußerst verbreitet. Und auch die Allgemeine Inspektion der nationalen Polizei (IGPN), die seit Montag über den genauen Unfallhergang ermittelt, ist an diesem Punkt bisher in ihren Urteilen und Veröffentlichungen äußerst zurückhaltend. Bisher verlautbarte sie nur, "keinen schweren Verstoß" gegen das Dienstrecht an diesem Punkt festgestellt zu haben. Es ist auch gut vorstellbar, dass vor dem Hintergrund der Situation, so wie sie sich bisher darstellt, zumindest der Vorwurf des unterbliebenen Versuchs zur Hilfeleistung zutreffen könnte: Es klingt plausibel, dass die Insassen des Polizeiautos und eventuell hinzugekommene Kollegen es nach der tödlichen Kollision mit der Angst zu tun bekamen, und das Quartier so schnell wie möglich verlassen wollten.

Die IGPN hatte am Montag zunächst mit ihren Untersuchungen begonnen, und dabei abgekündigt, binnen einer Woche ihre Ergebnisse bekannt zu geben. Doch bereits am Nachmittag desselben Tages kommunizierte sie öffentlich erste Schlussfolgerungen dazu. Demnach bestanden am Unfallcharakter und an der Schuld des Minimotorrad-Fahrers keinerlei Zweifel, und auch den Vorwurf der unterlassenen Hinterleistungen verneinte die Dienstinspektion tendenziell. Die IGPN ist eine interne Abteilung der französischen Polizei, die jedoch nicht der Polizeidirektion untersteht, sondern direkt dem Innenministerium. Sie soll eine parallel zu den Abteilungen der Polizeidirektion (Kriminalpolizei, Grenzpolizei.) stehende, eigenständige Formation bilden, deren Unabhängigkeit durch ihre institutionelle Sonderstellung garantiert werden soll. Die IGPN ist für alle Ermittlungen bezüglich Pannen im Auftreten der Polizei, eventuelle Übergriffe oder Gewalttaten u.ä. zuständig. Allerdings sorgt ihre unmittelbare Unterstellung unter das Innenministerium auf der anderen Seite dafür, dass sie - zumindest in besonders wichtigen Affären von besonderem politischem Gewicht - in hohem Maße für Druck aus der Politik anfällig ist.

Die Eltern der beiden getöteten Jugendlichen zeigten sich bei einer Pressekonferenz am späten Montag Nachmittag besonders erzürnt darüber, dass man - nach ihren Worten - einerseits eine unabhängige Ermittlung ankündige, andererseits aber "schon am selben Tag (angebliche) Ergebnisse präsentiert". Ihrerseits hatte die IGPN zweifellos vor allem versucht, nach den ersten Riots und Gewaltausbrüchen vom Sonntag Abend beruhigend auf die Situation einzuwirken. Erreicht hat sie konkret das Gegenteil.

3. Die Folgen

Die äußerst heftigen Zornesausbrüche von Teilen der - vor allem jugendlichen - Bevölkerung von Villiers-le-Bel seit dem Sonntag Abend erklären sich nicht allein vor dem Hintergrund der konkreten Vorfälle. Sie bilden auch die Widerspiegelung einerseits der allgemeinen, desolaten sozialen Zustands in den Banlieues. Allgemein wird konstatiert, dass dieser sich unter den meisten Aspekten seit den letzten breit angelegten Unruhen in den französischen Trabantenstädten vom November 2005 nicht verbessert habe. Am Dienstag publizierten die sozialdemokratischen Bürgermeister von drei Städten der Banlieue, darunter Claude Dilain, das Stadtoberhaupt von Clichy-sous-Bois - von wo Ende Oktober 2005 die damaligen Unruhen infolge des Todes zweier Jugendlicher ausgingen - einen Gastbeitrag in ,Le Monde', der unter dem Titel stand: "Sich selbst überlassene Banlieues: Was nicht weiter gehen kann" ( http://abonnes.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-3232,36-982983,0.html externer Link).

Auf der anderen Seite widerspiegelt die in blanken Hass auf alles, was eine Uniform trägt, umschlagende Wut auch die - vor diesem Hintergrund - herrschende Beziehung zwischen einem Teil der Einwohner der Trabantenstädte und den staatlichen Sicherheitskräfte. Noch verstärkt worden ist dieses angespannte Verhältnis durch zwei Entwicklungen: Zum Einen durch den Abbau aller Bemühungen um Deeskalation, die unter der sozialdemokratischen Vor-Vorgängerregierung (1997 bis 2002) mit dem Aufbau der so genannten , Police de proximité ' oder "einwohnernahen Polizei" einher gingen. Zum Anderen werden die Polizeikräfte unter der jetzigen Regierung unter der politischen Vorgabe, dass bestimmte Sollziffern an jährlichen Aufgriffen von Straftätern, insbesondere aber an "illegalen Einwanderern" - 125.000 Aufgriffe und 25.000 durchzuführende Abschiebungen im laufenden Jahr hat die Regierung zum vorab festgelegten Sollziel erhoben - autoritär und im Vorhinein "von oben" definiert werden. Auch wenn viele Polizisten selbst über den damit einhergehenden Druck und die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen klagen, so setzt doch ein Großteil des Sicherheitsapparats diese ideologischen Vorgaben, die keinerlei Rücksicht mehr auf individuelle Situationen oder Rechtsansprüche nehmen, mehr oder minder reibungslos um. Damit wachsen aber auch die Sp annungen gegenüber der Bevölkerung, vor allem gegenüber den sozialen Unterklassen sowie den migrantischstämmigen Franzosen.

Die ,Police de proximité' bildete einen Versuch unter der Regierung von Lionel Jospin vor 2002, die Reibungsflächen zwischen Bevölkerung und Sicherheitskräften abzubauen. Dabei privilegierte sie den Aufbau von kleinen, dezentralisierten Polizeieinheiten innerhalb der Trabantenstädte, die tagsüber in ihren Büros ansprechbar sein sollten und etwa bei kleineren Alltagsproblemen und Nachbarschaftsstreitigkeiten eingeschaltet werden könnten. Dadurch sollte ein Minimum an Vertrauensverhältnissen zwischen Polizisten und Einwohnern neu geschaffen werden. Bis dahin war das Bild der Polizei vor allem von ortsfremden und militarisierten Einheiten geprägt, die in den Trabantenstädten nur in größerer Zahl und in Form regelrechter Strafexpeditionen aktiv wurden. Dazu gehören die kasernierte Bereitschaftspolizei CRS ( Compagnies républicaines de sécurité ) und die Brigades anti-criminalité . Nicht alle, aber doch eine größere Anzahl der Mitglieder dieser Anti-Aufruhr-Einheiten kultivieren zudem rassistische Verachtungsgefühle gegen ü ber einem Teil der Banlieuebevölkerung, die von ihnen wie Insassen eines Zoos wahrgenommen werden. er Raum sammelte er 46 Prozent der Stimmen.

Ab 1997 wurde die Rolle dieser rein repressiv agierenden Polizeitruppen reduziert und, jedenfalls tagsüber, durch die ziviler auftretenden Polizisten in den neuen Büros innerhalb der Vorstädte abgelöst. In den Nächten und an den Wochenende freilich blieben die BAC und andere militarisierte Einheiten die Herren der Lage. Die sozialdemokratische Regierung versuchte so eine zumindest teilweise Entspannung der Lage zu erreichen. Auch ihr Vorgehen hatte freilich seine fragwürdigen Seiten. So bestand die sozialdemokratische Politik in einer Verquickung von sozialstaatlichen und polizeilichen Mitteln zur Krisenbewältigung: Im Rahmen des 1997 aufgelegten Programms der , emplois-jeunes ' (durch die öffentliche Hand während einer Höchstdauer von 5 Jahren finanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die etwa zur Anstellung von jungen Einsteigern ins Berufsleben im Non-Profit-Sektor und auf diesem Wege zur Abdeckung sozialer und ökologischer Bedürfnisse führen sollten) wurden über die Jahre hinweg mehrere Zehntausend junger ,Adjoints de sécurité' oder "Sicherheits-Hilfskräfte" angestellt. Also zivile Hilfskräfte für die Polizei rekrutiert. Dies sollte zwar ebenfalls als deseskalierende Maßnahme diente, sorgte jedoch zugleich für das Andocken einer solchen (Arbeitsbeschaffungs-)Maßnahme an den Polizeiapparat und für ein zivileres Erscheinungsbild desselben. Die Bewertung fällt also notwendig ambivalent aus, auch wenn eine völlige Abschaffung der Polizei in den sozialen Krisenzonen wohl kurzfristig bzw. sofort nicht denkbar ist und ein Mix aus zivilen Deeskalations- und polizeilichen Mitteln dabei zweifelsohne einem repressiven "Durchgreifen" vorgezogen werden muss.

Mit dem Regierungswechsel im Mai 2002 und dem Amtsantritt des neuen Innenministers Sarkozy erfolgte jedoch der fristlose Abbruch des Experiments. Die "einwohnernahe Polizei" wurde stark reduziert, etwa in Clichy-sous-Bois, und Nicolas Sarkozy verbreitete sich spöttisch darüber, seine Polizisten hätten nicht "Sozialarbeiter und Stadtteilanimateure zu spielen". Die repressiven Einheiten und Prügeltruppen übernahmen wieder das Terrain.

Seitdem sind die Eskalationsrisiken bei Polizeieinsätzen wieder stark angestiegen. Wie so oft in solchen Fällen, dürfen es oft solche Personen ausbaden, die nun wirklich individuell (bis zum Nachweis des Gegenteils) überhaupt nichts dafür können. In Villiers-le-Bel versuchte am Sonntag Abend, nachdem die Riots bereits ausgebrochen waren, ein Polizeikommissar aus der Nachbarschaft, auf persönliche Initiative hin mit den zorneserfüllten Jugendlichen zu sprechen und sie zu - quasi im Alleingang - zu beruhigen. Er musste jedoch mit einer Gehirnerschütterung und Nasenbeinbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Explosion war bereits im vollen Gange.

Präsident Sarkozy, kaum war er am Dienstag Abend von seiner Werbetour für die französische Wirtschaft, pardon, seinem Staatsbesuch in China zurückgekehrt, begab sich seinerseits ab Mittwoch früh sofort in die (im übertragenen Sinne) "brennenden" Banlieues. Gestern Vormittag besuchte er einerseits den zusammengeschlagenen Polizeikommissar an seinem Krankenbett in Eaubonne, andererseits traf er sich auch mit den Eltern der beiden jugendlichen Opfer der Kollision vom Sonntag. Wie üblich hektisch hyperaktiv, versuchte Nicolas Sarkozy zu überdecken, dass trotz seiner markigen Parolen die Krise in den Banlieues genauso heftig durchschlägt wie vor seiner Amtszeit als Präsident - obwohl unter ihm selbst als Innenminister, aber dies hat ein Teil des Publikums ohnehin vergessen bzw. rechnet es ihm nicht als seine eigene Bilanz an - im Herbst 2005. Neu ist dabei heute das Eskalationselement, dass nunmehr Schusswaffen von den "Aufrührern" eingesetzt werden (in der Regel mit Schrotmunition). Dies war 2005 überwiegend nicht der Fall gewesen, mit Ausnahme eines Falles, in dem zu Beginn der Unruhen in der nördlich von Paris gelegenen Trabantenstadt La Courneuve ein 9-Millimeter-Geschoss aus einer Pump-gun auf ein Auto der Bereitschaftspolizei (CRS) abgefeuert worden war und dessen hintere Seitenwand durchschlug. Aber "damals war noch eher auf das Fahrzeug als auf die Polizeibeamten selbst gezielt worden", wie ein Bericht in einer Gratistageszeitung den Unterschied zusammenfasst.

In den letzten Tagen stellten sich viele Beobachter fieberhaft die Frage nach einer möglichen Ausweitung der Unruhen. Am Montag Abend griffen diese zunächst auf insgesamt fünf Nachbarstädte von Villiers-le-Bel über. Dorthin selbst wurden zunächst 200 Polizisten beordert, um öffentliche Gebäude zu schützen. Das waren aber zu viele, um nicht provozierend zu wirken und den "Magneten" für Angriffe darzustellen - jedoch zu wenige, um die Unruhen wirklich ersticken zu können. Zumal viele Jugendliche angeben, dass ihnen ein drohender Gefängnisaufenthalt keine Angst bereite, da sie ohnehin nichts zu befürchten hätten. Am Dienstag Abend sorgte die Entsendung von nunmehr 1.000 Polizisten aus dem gesamten Großraum Paris jedoch dafür, dass die Riots dort erstickt wurden. Zugleich waren jedoch erste Anfänge von Riots im Raum Toulouse zu verzeichnen, wo ein gutes Dutzend Autos und eine Bibliothek angezündet wurden.

Im Moment sieht es noch so aus, als ob die Unruhen wieder abflauen könnten. Gleichzeitig zeigt jedoch ein Vergleich zum Herbst 2005, dass die Riots damals vier Tage benötigten, um ihren Ausgangsort Clichy-sous-Bois zu verlassen. Dieses Mal ging das Überspringen viel schneller. Die nächsten Tage werden zeigen, ob es sich um ein heftiges, aber kurzes Aufflammen handelte oder aber um den Neubeginn ausgedehnterer Unruhen.

,L'état de grâce', also die "Gnadenfrist" bzw. "Schonzeit" für einen frisch gewählten Präsidenten, in der das Publikum ihn "erst einmal seine Beweise erbringen" bzw. es versuchten lässt, ist nunmehr für Nicolas Sarkozy definitiv vorbei. Nachdem manche geglaubt hatten, der neue "starke Mann" werde kraft seines politischen Voluntarismus die auseinander strebenden Kräfte der Gesellschaft zusammenhalten und bezüglich Konflikten den Topf auf dem Deckel halten können, sehen sich getäuscht. Von sozialen Kämpfen bis hin zu neuerlichen Banlieue-Unruhen kamen für Nicolas Sarkozy in den letzten 14 Tagen alle "Probleme", die unter seinem Vorgänger im Amt zu Tage getreten waren, in geballter Form und kurzer Zeit zusammen. Allerdings ist noch fraglich, wie das Publikum darauf reagieren wird: Ähnlich wie 2005 könnte ein Teil der Gesellschaft mit einem rassistischen Schub und einem Rechtsruck reagieren. Im Laufe des Montag/Dienstag mussten bspw. mindestens zwei Leserforen französischer Medien (jenes der Gratistageszeitung ,20 minutes', das der konservativen Tageszeitung ,Le Figaro' zum Thema) im Internet aufgrund überbordender rassistischer Äußerungen geschlossen werden. Beim ,Figaro' las man etwa, von LeserInnen verfasst: "Ungeziefer, das rottet man aus" oder "Mit echter Munition (auf die Aufrührer) schießen!" Ob das nur eine rechtsextreme Minderheit ist, die laut lospoltert, oder ob der Rechtsruck breitere Kreise bis hinein ins verängstigte Bürgertum erfasst, bleibt abzuwarten.


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