Die Grenzen der koreanischen "Zivilgesellschaft" oder: Meine Begegnungen mit dem Geheimdienst am Ende des 20. Jahrhunderts

von Holger Heide

Ich bin Professor im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bremen und Leiter des Instituts für sozialökonomische Handlungsforschung (SEARI). Seit Mitte der achtziger Jahre habe ich mich intensiv mit der Erforschung der südkoreanischen Wirtschaft und Gesellschaft befasst, bin viele Male im Land gewesen, habe darüber geschrieben und Vorträge gehalten. Meine weitere Arbeit ist jetzt ernstlich gefährdet, weil gegen mich ein Einreiseverbot besteht. Auf einer Dienstreise, die mich im Oktober-November 1999 nach Japan und dann nach Südkorea führen sollte, wollte ich auf der Hinreise die drei Stunden Zwischenaufenthalt in Kimpo (Seoul) nutzen, um mich mit Freunden im Flughafengebäude zu treffen. Beim Versuch, die Passkontrolle zu passieren, erfuhr ich dann von dem bis September 2003 geltenden Einreiseverbot. Gründe wurden mir nicht genannt; auch nicht, wer das Verbot veranlasst hatte. Inzwischen ist mir von verschiedenen Seiten bestätigt worden, dass es auf Intervention des Geheimdienstes zurückgeht.

Ich hatte so etwas geahnt. Bei meinem letzten Aufenthalt in Südkorea im September 1998 hatte ich aktiv an einer internationalen Konferenz gegen Neoliberalismus und IWF mit Vertretern aus aller Welt, von Mexiko bis Bangladesh, teilgenommen und dort auch das einleitende Grundsatzreferat über "Gedanken über Solidarität in der Ära der Globalisierung" gehalten (der Wortlaut kann auf dieser web site unter "Arbeitspapiere zur sozialökonomischen Ostasienforschung" Nr 7). Veranstalter der Konferenz war ein sehr breites Bündnis, das von führenden Mitgliedern der demokratischen Gewerkschaften über Neue soziale Bewegungen, Umweltgruppen, Frauengruppen und anderen bis hin zu christlichen und buddhistischen Gruppen reichte. Die Konferenz war damals mit einer kulturellen und politischen Kundgebung und einer friedlichen Demonstration abgeschlossen worden.

In einem Verhör bei meiner Ausreise erfuhr ich, dass man mich während meines insgesamt zehntägigen Aufenthalts rund um die Uhr observiert hatte. Mir wurden Äußerungen auf der Konferenz vorgehalten und Fotos vorgelegt, die von mir gemacht worden waren ("Kann es sein, dass Sie die Person auf diesem Foto sind?"). Ich habe mich geweigert, in dem Verhör Aussagen zu machen, die über Angaben zu meiner Person hinausgingen. Meine Interviewer verlegten sich zunächst aufs Betteln ("Bitte helfen Sie uns doch, wir müssen an unsere vorgesetzte Dienststelle doch einen Bericht abliefern") und wurden dann sichtlich wütend. Erst nachdem ich schriftlich erklärt hatte, keine weiteren Fragen beantworten zu wollen, brachte mich ein Beamter schließlich zu meinem Flugzeug, dass man schon 10 Minuten hatte warten lassen. Das war also im September 1998.

Ich bin nicht für Nordkorea und ich habe mich an keiner Verschwörung gegen die südkoreanische Regierung beteiligt. Was also stört den Geheimdienst an mir? Es scheint mir, dass die Gedanken, die auf innere Autonomie, Selbstorganisation und damit auf lebendige Solidarität der Menschen (des Volkes, des "Minjung") setzen, nicht in den neo-sozialdemokratischen Konsens passen, den die Regierung herbeizuführen versucht. Die gegenwärtige Politik setzt auf eine vorsichtige Legalisierung von bisher politisch ausgegrenzten gesellschaftlichen Gruppen, um ihre eigene gesellschaftliche Basis zu verbreitern. Die damit erwiesene "Großzügigkeit" hat aber ihren Preis. Sie enthält gleichzeitig die Botschaft: Wer die ausgestreckte Hand nicht ergreift, wird um so härter ausgegrenzt. Werden solche Gedanken von Ausländern geäußert, befürchtet die Regierung , dass das zu einer "Gefährdung der inneren Sicherheit" führen kann. Jedenfalls ist das die offizielle Voraussetzung für die Belegung mit einem Einreiseverbot.

Es ist makaber, dass sich die Richtigkeit meiner kritischen Analyse der koreanischen Gesellschaft jetzt an meinem eigenen "Fall" erweist. Der Kampf für eine grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft, zu der doch mindestens das Recht auf freie Meinungsäußerung gehört, ist offenbar noch längst nicht gewonnen. Ich werde das Einreiseverbot jedenfalls nicht auf sich beruhen lassen, sondern mich dagegen zur Wehr setzen. Die Leitung der Bremer Universität unterstützt mich dabei.

 

Holger Heide, SEARI, FB 7, Universität Bremen, Postfach 330440, D – 28334 Bremen.

 


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