Internationale Kontakte in Zeiten der Globalisierung

Rückblick auf die 4. Internationale Arbeitskonferenz von TIE/express
Von Heiner Dribbusch

 

Die Kölner TIE/express-Konferenz erinnerte etwas an das berühmte gallische Dorf. Während um sie herum die Lohnabhängigkeit im Aktienrausch zu verschwinden scheint und der gewerkschaftliche Mainstream nationale Standorte retten will, trafen sich GewerkschafterInnen, Betriebslinke und AktivistInnen aus Basisinitiativen, um sich über die Chancen internationaler Zusammenarbeit entlang globaler Ausbeutungsketten zu verständigen.

Bei einem solchen Unterfangen sind Schwierigkeiten nicht zu vermeiden. Verständigungsprobleme beispielsweise. Diese beginnen ganz trivial bei der Sprache. Trotz eines insgesamt exzellenten Dolmetscherservices, der im Übrigen einen Großteil der Kosten dieser Veranstaltung verschlang, gingen einzelne Inhalte in manchmal unumgänglichen Übersetzungsketten verloren.

Aber auch wenn die Sprache verstanden wird, ist nicht immer das Verständnis gesichert. Gewerkschafter aus der Ukraine, KollegInnen von DaimlerChrysler in Deutschland und TextilarbeiterInnen aus den Maquiladoras in Mexiko argumentieren und handeln vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Erfahrungen. Gleiches gilt für GewerkschafterInnen der französischen Eisenbahn, AktivistInnen der Black Workers for Justice aus dem Süden der USA und KollegInnen aus Uruguay oder den Freihandelszonen in Sri Lanka.

Dies hat mit unterschiedlichen gewerkschaftlichen und politischen Traditionen, aber auch damit zu tun, welcher Platz in den internationalen Produktionsverbünden und auf den verschiedenen Stufen der Ausbeutungspyramiden eingenommen wird. Entsprechend divergieren die berichteten Probleme sowie die unmittelbaren Ziele.

TextilarbeiterInnen in den Maquiladoras Mexikos und den Freihandelszonen Sri Lankas kämpfen um elementarste Voraussetzungen gewerkschaftlicher Organisierung. In der Metallindustrie in Belarus bestehen demgegenüber zwar gewerkschaftliche Strukturen, die GewerkschafterInnen dort sind jedoch mit Verhältnissen konfrontiert, deren Auswirkungen kaum weniger dramatisch sind als in weiten Teilen des Trikonts – und denn doch spezifisch anders. Brasilianische
GewerkschaftskollegInnen können sich gar nicht auf betriebliche Fragen beschränken, sondern müssen sich zu einer aktiven Landlosenbewegung verhalten und sich mit massenhafter Obdachlosigkeit auseinander setzen, während Bündnisse mit sozialen Bewegungen in EU-Europa vielfach noch in den Anfängen stecken. Französische GewerkschafterInnen von SUD Rail kämpfen für die Gleichbehandlung der outgesourcten Bereiche der staatlichen Eisenbahn, wohl wissend, dass nur so ihre eigenen Standards zu halten sein werden. Ihre Stärke stützt sich jedoch auch auf rechtliche Rahmenbedingungen, die den Stammbeschäftigten des französischen öffentlichen Dienstes im Gegensatz zu ihren KollegInnen im Privatsektor noch einen weitgehenden Kündigungsschutz garantieren. Kritische Gewerkschafter von Daimler-Chrysler in der Bundesrepublik berichten vom Bedeutungsverlust von Tarifauseinandersetzungen angesichts derzeit relativ hoher ausbezahlter Gewinnbeteiligungen und der Tatsache, dass die Sorge einiger Beschäftigter mittlerweile vor allem der Entwicklung ihres Aktiendepots gilt. Gedanken, die sich ArbeiterInnen in den hinsichtlich der Beschäftigungszahlen ungleich größeren Niedriglohnbranchen des privaten Dienstleistungsbereiches auch in Deutschland gar nicht erst zu machen brauchen. Die Beispiele ließen sich erweitern um die Situation von MigrantInnen aus Lateinamerika oder von afro-amerikanischen ArbeiterInnen in der USA. Die Rezeption anderer Erfahrungen schwankt daher ständig zwischen "das ist bei uns auch so" und "das ist aber völlig anders".

Dies alles sorgt gelegentlich für Missverständnisse. Zugleich jedoch ist die Relativierung der eigenen Erfahrungen – durch die Konfrontation mit denen anderer – einer der wichtigen positiven Effekte, die solche internationalen Treffen begleiten.

Darüber hinaus werden nicht nur Differenzen, sondern auch Zusammenhänge und verwandte Problemstellungen sichtbar. Dies heißt nicht immer gleich Gemeinsamkeiten. Die Plattitüde, dass vor Gott und dem Kapital alle ArbeiterInnen gleich seien, war schon immer so schlicht wie irreführend. Allein die Tatsache des Mehrwertschaffens eint bekanntlich noch lange nicht.

Ein Zusammenhang ist beispielsweise die Einbindung immer größerer Teile der Lohnabhängigen in international organisierte horizontale Produktionsverbünde. Diese sind oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, denn viele Produkte werden nicht mehr in Fabriken der namensgebenden Unternehmen hergestellt, sondern in einem hochflexibel organisierten Netz von Fertigungsstätten, die über sogenannte Kontraktfertiger organisiert werden. Gemeinsame Erfahrung ist, dass in allen Abteilungen der um den Globus verstreuten Produktion der Arbeitsdruck immer unerträglicher wird. Daraus allein leitet sich noch keine gemeinsame Interessenlage der Beschäftigten in den verschiedenen Etagen der weltweiten Ausbeutungshierarchie ab, wohl aber sind bei Anerkenntnis aller Unterschiede Koalitionen möglich. Entdeckt wird beispielsweise auch, dass Unternehmen teilweise härter als durch Produktionsstillstände durch das Lahmlegen ihrer Logistik getroffen werden, die Verbündeten der Beschäftigten in der Produktion die Lager- und TransportarbeiterInnen sind.

Am unteren Ende der Ausbeutungspyramide finden sich in allen Industriestaaten WanderarbeiterInnen, die, oftmals von den Staaten illegalisiert, ein Billigstlohnpotential in Textil-, Bau- und vielen Dienstleistungsbranchen darstellen, aber auch in den Subunternehmen der industriellen Produktion unterkommen. Auch über diese Erfahrung wurde aus vielen Ländern berichtet. Dass die Rassismen, auf die die genannten Beschäftigten treffen, nur durch deren rechtliche Gleichstellung und nicht durch Abschottung zu bekämpfen sind, war auf dieser Konferenz unbestrittener Konsens. Gemeinsame Problemstellung ist, wie dies innerhalb der Betriebe und Gewerkschaften mehrheitsfähig gemacht werden kann.

Ein praktisches Problem, das auch auf zukünftigen TIE/express-Konferenzen wieder auftauchen wird, sind sicherlich die unterschiedlichen Erwartungen der TeilnehmerInnen. Einige, die sich nicht zum ersten Mal trafen, sondern sich im Rahmen von Besuchsreisen und Austauschprogrammen näher kennen gelernt hatten, wollten verständlicherweise vor allem einen Ausbau der praktischen Zusammenarbeit organisieren. Andere, die zum ersten Mal auf einer solchen Konferenz waren, hatten hingegen zunächst einmal das Bedürfnis, Gehör für ihre spezifischen Probleme zu finden.

Es spricht für die TeilnehmerInnen der Tagung, dass mit diesem Problem sehr praktisch umgegangen wurde. Während auf den Plena und in einigen größeren Arbeitsgruppen die Erfahrungsberichte dominierten, gelang es daneben in einer Reihe kleinerer Workshops und informeller Treffen, herauszufinden, was noch nicht zusammen geht und was schon jetzt möglich ist. Erste Verabredungen wurden getroffen.

Dies betraf zum einen Absprachen über regionale Kontakte, wie sie beispielsweise zwischen den lateinamerikanischen TeilnehmerInnen oder zwischen mexikanischen und US-amerikanischen Gruppen gefunden wurden. Auch für die Teilnehmer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion bot sich zunächst eine Vertiefung ihres Austausches untereinander an. Ähnliches galt für die EU-TeilnehmerInnen, wobei das aussereuropä-ische Interesse an den Organisationsversuchen der KollegInnen der relativ jungen SUD-Gewerkschaften auf deren umgekehrtes Bedürfnis nach eigenständigen internationalen Kontakten traf.

Neben regionalen und bilateralen Verabredungen wurden aber auch Querverbindungen geknüpft. Dazu zählen die Kontakte zwischen Frauen aus den Maquiladoras und aus den Free Trade Zones in Sri Lanka und Bangla Desh, aber auch Versuche, in die teilweise schon länger bestehenden internationalen Autokontakte auch die inzwischen ausgelagerten Produktionsbereiche mit einzubeziehen.

Dies führt nun alles noch lange nicht zu den von vielen so sehr herbeigewünschten gemeinsamen Aktionen. Sowohl die Frage, was angesichts des Streiks der VW-ArbeiterInnen in Südafrika als auch des aktuellen BMW-Beschlusses, die Werke in Großbritannien zu verkaufen, zu tun sei, zeigte rasch die Grenzen der Möglichkeiten dieser Konferenz auf. Es blieb vorerst bei Resolutionen. Gerade auch die deutschen TeilnehmerInnen hatten nichts anderes zu versprechen, und niemand bedauerte dies mehr als sie selbst. An dieser Stelle könnte die Frage der Relevanz aufgeworfen werden: Alles in Ehren, aber sind die auf der Konferenz angesprochenen Ansätze angesichts der Macht der verschiedenen internationalen Kapitale nicht lediglich die berühmten Tränen im Ozean?

Natürlich fehlten die VertreterInnen der Gewerkschaftslinken und von Basisinitiativen beispielsweise aus Japan, aus Indien und aus weiten Teilen Afrikas. Natürlich ist TIE nur ein, nicht jedoch das weltweite Basisnetzwerk. Und glücklicherweise sind die VeranstalterInnen nicht vom Größenwahn befallen, ein solches herstellen zu wollen. Nicht allein von den Ressourcen, auch von der Intensität des Austausches her ist die Größe der gegenwärtigen Arbeitskonferenzen gut handhabbar. Sicherlich werden mit der Zeit weitere Kontakte hinzukommen, aber es wird sich die Frage stellen, ob all diese Gruppen sich in einer großen Konferenz treffen müssen. Allein ein großes Netzwerk ist weder machbar noch wünschenswert. Vielmehr wird im Sinne einer Diffusion der Aufbau paralleler TIE-ähnlicher Strukturen zu wünschen sein.

Trotz aller gegenwärtig beschränkten Möglichkeiten gab die Kölner Konferenz Anlass zu vorsichtigen Hoffnungen. Das kleine gallische Dorf ist gegenüber früheren TIE/express-Konferenzen heterogener, damit aber auch von den versammelten Erfahrungen her reicher geworden. Es entwickelt mehr Fragen als Antworten. Aber es verfügt über einen realistischen Blick für die kapitalistische Wirklichkeit. Das ist mehr, als von seiner Umgebung gesagt werden kann.

 

Erscheint in express 3/2000

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Siehe auch einige wenige Bilder zur Konferenz


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