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Updated: 18.12.2012 15:51
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Schwarz. Arm. Tot

Gespräche mit einigen Flüchtlingen aus NO

Nach vielen Mühen irgendwo in den USA am Telefon: Einige Aktivisten der "Black Community" aus New Orleans, die in Interviews einen kurzen Einblick über die Geschichte ihrer Stadt geben, und nicht ihre Erlebnisse (weil sie nicht wollten) sondern ihre Meinungen zu den Ursachen der Katastrophe abgeben und die allgemein geübte Kritik an der Buschkrieger-Regierung als ihrerseits viel zu "seicht" kritisieren. Und ja, welche von ihnen haben sich auch Lebensmittel genommen. "Schwarz, Arm, Tot" eine vielleicht nicht repräsentative, auf jeden Fall aber originale eigene Bestandsaufnahme vom 7. und 8. September 2005

Der Zynismus des Bürgertums kennt keine Grenzen: Wer die Berichte und Interviews auf MNSBC ansieht, Mailinglisten liest, gar die Reden des obersten Warlords sich antut, kann nicht sagen, die EinwohnerInnen von New Orleans mit dunklerer Haut kämen nicht vor - tun sie wohl. Zu blöde oder zu faul, um zu fliehen seien sie gewesen so ein Tenor - oder eben "Plünderer", so der andere.

Wenn ein Tsunami in Asien Hunderttausende tötet, so kann das noch im Rahmen von "armen Ländern" abgehandelt werden, die halt eben die Ressourcen nicht hätten, sich zu wappnen. Wenn das mächtigste Land der Welt dazu unfähig ist, wird es zu einer Grundsatzfrage des Verhältnisses Gesellschaft-Natur - und zu einer Klassenfrage.

THE "BIG EASY"?

New Orleans ist eine besondere Stadt: nicht eben gross, gerade mal 500.000 Menschen leben da (1,2 Millionen etwa im Großraum), 350.000 von ihnen mit dunkler Hautfarbe. Eine "südländische" Stadt, Lebensfreude trotz aller Probleme, ein musikalisches Zentrum, eine Stadt, in der man trotz sozialer Probleme durch Zusammenhalten überlebt. Oder, wie der Mitherausgeber von "Left Turn" externer Link , Jordan Flaherty schreibt "wo die Menschen auf der Strasse nicht nur fragen, wie es dir geht, sondern auch die Antwort abwarten". Sozusagen verkörperte Multikulturalität auf amerikanischem Boden, vielmehr als etwa San Francisco.

Mit 300 Morden im Jahr. Kriminalität und Gewalt macht, wie anderswo auch, die Reichen und die Mittelklasse hysterisch, die Armen bringt sie um - entweder in jenen wenigen Stadtvierteln, wo Gewalt vor allem "ausbricht" - oder in Angola. Angola ist heute eines der grössten Gefängnisse der USA, eben im Bundesstaat Lousiana, dessen Gouverneuere allesamt die Tradition des "Grand Old South" befolgt haben: Die Lehrer-Gehälter im Staat sind die drittgeringsten der USA, die Ausgaben für (privatisierte) Gefängnisse die vierthöchsten.

New Orleans, sagt Abel Bellamy, Programmdirektor einer alternativen Radiostation in Louisiana am Telefon, hat in der Geschichte der ganzen USA eine wesentliche Rolle gespielt: Der Mississipi ist nicht nur der zweitgrösste Fluss der Welt, in ihn fliessen auch alle anderen Flüsse zumindest der südöstlichen USA ein. Der US-Hafen schlechthin - die landwirtschaftlichen Exporte wurden ebenso über New Orleans abgewickelt, wie die Grundstoff-Importe für die Industrialisierung. Der Hafen von New Orleans war einst der Ort, wo die meisten Menschen der Stadt arbeiteten - und die Hafenarbeitergewerkschaft der Ostküste, die ILA, hatte im Gegensatz zu ihrer Praxis in anderen wichtigen Atlantikhäfen bis hinauf nach Baltimore, in New Orleans eine nach Hautfarbe gemischte Mitgliedschaft - nicht zuletzt nach der damaligen Abspaltung des CIO in den 30er Jahren, da die CIO Gewerkschaften die "Rassenfrage" zumindest weitaus eher im Sinne einer demokratischen Haltung angingen, denn die verbliebenen AFL Gewerkschaften. Bellamy zitiert aus einem Buch des Labour-Historikers Bruce Nelson "Divided we stand", das sich mit der langen Problematik "Gewerkschaften und Rassismus" auseinandersetzt, und zeigt, wie die schwarzen Hafenarbeiter gezwungen waren, eigene Organisationen zu schaffen.

James Spatrell, früherer Aktivist der Hafenarbeitergewerkschaft ILA und heute ein Organisator von Initiativen in den "Black Communities" fügt, ebenfalls am Telefon - aus Houston, wohin er sich evakuiert hat - zweierlei hinzu: New Orleans sei der erste Atlantikhafen gewesen, in dem es einen gemeinsamen Streik von Schwarzen und Weissen gab - und viele der heutigen Empfänger von Sozialhilfe in den schwarzen Vierteln seien die Kinder - speziell die Töchter - ehemaliger Hafenarbeiterfamilien, die ihre Jobs verloren in Folge der grossen Umstrukturierungsmaßnahmen der Häfen zu Container-Häfen ab den 60er Jahren, wogegen es 1969 einen - verlorenen - Streik gegeben habe. Oder ehemalige Hafenarbeiter seien auch ein guter Teil der Rentner, die auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Die durchaus besondere Rolle, die New Orleans in der Geschichte gespielt hat, wird auch durch die Tatsache beleuchtet, dass die erste "schwarze" Tageszeitung der USA in der sogenannten Rekonstruktionsperiode nach dem Bürgerkriegsende 1865 die "New Orleans Tribune" war, wie Howard Zinn in seiner "Peoples History of the USA" schreibt.

New Orleans - der Freizeitpark?

Kaffee und Früchte aus den mittelamerikanischen Republiken kommen immer noch über New Orleans an: Aber vor allem der Hochseeölhafen, 30 Km etwa von New Orleans entfernt ist heute wichtig - und beginnend in New Orleans bis zur Landeshauptstadt Baton Rouge hinauf zieht sich ein ganzer Gürtel von Raffinerien und Chemiefabriken.

Währenddessen ist die Stadt New Orleans selbst in den letzten Jahrzehnten deindustrialisiert worden. Die beiden grössten Einnahmequellen der Stadt, die seit 1978 nur schwarze Bürgermeister hat, sind der "Mardi Gras" und seit einiger Zeit auch der "Decadence Day" (schwuler mardi gras) - und die BesucherInnen des French Quarter. Tourismus, mit anderen Worten, ist der wichtigste Wirtschaftszweig. Was das bedeutet, sagt Aaron Phelps, von Spatrell "anempfohlener" Gesprächspartner, ein Gewerkschaftsaktivist (UFCW), der gegenwärtig bei Verwandten in Louisville, Kentucky ist: "Entweder Du hast keinen Job und demnach kein Geld oder Du hast einen Job als Gehilfe in der Tourismusbranche - und ganz wenig Geld. Und natürlich wussten es alle: Dass es aus diesen beiden Personenkreisen mindestens 120.000 Menschen gibt, die kein Auto haben, weil sie sich keines leisten können und was das in den USA bedeutet ist schlicht: Du kommst nirgendwohin. Da wurde doch nur gesagt, "haut ab!" aber dafür bereitgestellt wurde erstmal gar nichts, und dann sagen die noch, wir seien zu faul oder zu dumm zum Abhauen. Als ob wir nicht wüssten, was Überschwemmung heisst! Als ob es nicht unsere Viertel wären, in denen es keinen Hurrikan braucht: schon bei einem kräftigeren Gewitter ist ein Teil der Bezirke doch schon überschwemmt, Mann!"

Die Neugestaltung von New Orleans geschah und geschieht dem Tourismusgeschäft entsprechend: Armenviertel sollen "nach drüben gehen", jenseits des Flusses, wo sie nicht gesehen werden, möglichst auch noch in Form von Wohnmobilen, damit sie später noch weiter verdrängt werden können.

Das entspricht aber auch der Neugestaltung des gesamten Umlandes für die weiteren "wirtschaftlichen Erfordernisse": die Verbesserung der Schiffbarkeit des Mississipi war faktisch eine permanente Forderung - die auch immer wieder erweitert wurde.

Wie New Orleans unter den Wasserspiegel kam...

Abel Bellamy erzählt die Geschichte der Umweltinitiativen in der Region: "Jetzt wird so getan - auch von den Bushkritikern - als ob New Orleans unter dem Wasserspiegel einfache Tatsache sei. Dabei war es durchaus nicht immer so, alles andere ist eine Lüge. Jede weitere "Verbesserung der Mississipi-Straße" war immer von Kritiken begleitet, jede. Denn früher war es so, das der Fluss viel von dem, was er unterwegs "mitnahm" an der Mündung ablagerte, und so im Laufe der Zeit "Land aufspülte". Seine "Bearbeitung" im Sinne der Fahrt schnellerer und größrer Schiffe bedeutet jedes Mal auch, dass dieser Prozeß aufgrund Vebreiterung, Vertiefung, Beschleunigung und so weiter immer geringer wurde. Das heisst der anwachsende sozusagen natürliche Vorbau, ein Schutz für die Stadt, die ja auf drei Seiten von Wasser umgeben ist, dieser Vorbau fand nicht mehr statt". Dem fügt Ross McPherson, beim zweiten Telefongespräch anwesender Umweltaktivist, den es ebenfalls aus New Orleans wegtrieb, nachdem er wie Tausende Tage im Superdome zugebracht hat: "Hinzu kommt, dass ein guter Teil der Golfküste von Wasserbauingenieuren der Army - dieselbe Einheit, die jetzt lautstark betont, sie habe "vorgewarnt", was im übrigen stimmt, entsprechend wirtschaftlichen und militärischen Erfordernissen umgebaut wurde - was zum Verlust von circa 1 Million Hektar Sumpfland führte, das als natürliche Barriere sowohl gegen den Ozean, als auch gegen den See diente. Und was als weitere Folge einen regionalen Trockenprozeß der Erde einleitete, was mit zum Absinken des Territoriums beitrug".

Kritiken und Kritiken

Jede Kritik an Bush ist zutreffend - so der übereinstimmende Tenor aller Gesprächspartner. Die Kürzungen in den verschiedenen Bereichen der Katastrophenvororge sind Fakt, wie auch die Eingliederung der Bundeskatastrophenagentur FEMA in die "Homeland Security". Aber: Darüber darf nicht vergessen werden, dass auch die lokalen und regionalen Behörden eben nicht "versagt" haben, sondern dass alles in ihrer Politik - die "Abschaffung des Öffentlichen" nennt es Spatrell - daraufhin führte, dass es im "Fall des Falles" so kommen musste. Von den Medienkritiken halten sie nicht besonders viel: "Wenn Mr Krugman jetzt in der New York Times Bushs Einsparungen beklagt, ist das richtig, aber billig. Es sei denn, er zieht die Konsequenz und kündigt - schliesslich arbeitet er für ein Blatt, das Sprachrohr dieser Politik bei Clinton und Bush ist und war und bleibt." Das war der Radiomensch Bellamy.

Die Kritiken, die sie interessieren, sind die der - wie sie - Betroffenen. Oder wie die von Malik Rahim, wie Bellamy und Spatrell einst Aktivist der Black Panther Party und heute Aktivist der Green Party, der eine Aussage machte, die sie alle sofort unterschreiben: "Die Leute, die die Schecks vom Sozialamt bekommen, haben immer in der vierten Woche des Monats kein Geld, immer, das reicht halt nur für drei Wochen. Also die Leute hatten keinen Buck für den Bus und auch keinen für Essen. Also haben sie in ihrer Verzweiflung gesucht, wo es was zu essen gab - und schon hiessen sie "Plünderer", wenigstens, wenn sie schwarz waren." Winnie Spatrell, James alleinstehende Tochter mit 2 Kindern, bringt es auf den Nenner, den auch sie befolgt hat: "Mann, da war doch überall Wasser, das ganze Zeug wäre doch ohnehin hinüber gewesen und die Leute hatten Hunger und Durst, also was? Der Staat? Der hat doch nichts gemacht, ausser Polizei schicken mit Waffen, Nationalgarde mit Waffen und eine Gouverneurin, die die "Lizenz zum töten" verteilt." Sie hat es nach Little Rock in Arkansas verschlagen, man musste den Bus nehmen der gerade fuhr - als endlich welche fuhren, Tage zu spät. Und sie kann auch jene verstehen, die nicht weg wollen: "Die treibt doch die berechtigte Angst, dass im Falle des Wiederaufbaus von New Orleans, dies endgültig als "Freizeitpark" geschehen wird - ohne ihre Viertel, wo sie ihr Leben zugebracht haben".

Perspektiven. Für wen?

Für die bislang absichtlich ungezählten Toten, von denen laut verschiedensten Berichten immer noch viele im Wasser treiben, sicher keine mehr. Das Wasser im See Ponchartrain, nördlich der Stadt - jener See der die Stadt überflutete - ist nach Angaben der Behörden mit Kolibakterien verseucht, was mit anderen Verschmutzungen zusammen die unmittelbare Zukunft - unter anderem die Dauer eines tweilweisen "Wiederaufbaus" bestimmen wird (denn viele Gebäude aller Art, die stehen geblieben sind, werden aus baulichen Gründen noch abgerissen werden müssen, und es waren und sind ja etwa 80 Prozent des Stadtgebiets unter Wasser).

Jetzt ist die Mehrheit der Bevölkerung weg - bei der großen Flut 1927 blieben viele Flüchtige weg und trugen so zum starken Anawchsen der schwarzen Bevölkerung im fernen Chicago bei, erzählt Spatrell. Heute weiss ja niemand, wer wieder kommen darf - und will, sagt er abschliessend und bedauert nicht den Verlust seiner wenigen Habe, sondern den Verlust der wenigen Ressourcen, die die Initiativen, in denen er aktiv war, zu beklagen haben. Er will "um jeden Preis" wieder zurück, obwohl er davon ausgeht dass der Wiederaufbau eine "Orgie" der Stadtplaner wird, die er gar nicht mag. Jetzt aber will er erst einmal seine Familie zusammen sammeln, die "Pläne" der Anderen sehen ähnlich aus.

Die Ölgesellschaften - wenig überraschend - witterten Morgenluft und erhöhten die Preise. Die Chemiefirmen haben erst mal geschlossen, selbst DuPont. Die zahllosen Ölplattformen im Golf sind meist verwaist, evakuiert, sollen aber natürlich schnellsten wieder besetzt werden. Von den Auswirkungen in den Staaten Mississipi und Alabama, wie auch anderswo in Louisiana soll und kann hier gar nicht die Rede sein und der Buschkrieger Popularität sinkt weiter, aber sie stehen eh nicht zur Wiederwahl.

Abschliessend

1. Inwieweit diese Interview-Ausschnitte repräsentativ sind, kann ich nicht beurteilen: Alle GesprächspartnerInnen gehören zu den progressiven, gesellschaftlich engagierten Menschen aus der Mehrheit der schwarzen Bevölkerung - darum ging es mir, diese zu Wort kommen zu lassen. Dem Zustandekommen dieser Interviews - ein einziges Telefonmarathon, bis sie erreicht waren - waren eben Uralt-Bekanntschaften aus Zeiten als Abe und James in den Stuttgarter Patch Barracks stationiert waren und mit damals vielen anderen BPP-Aktivisten zusammen Desertions- und andere Kampagnen organisierten und dafür ein bisschen Hilfe schwäbischer Eingeborener erhielten.

2. Natürlich gibt es kaum eine US-Netzseite, die nicht in der einen oder anderen Weise berichtet oder kommentiert. Informativ, weil viele Artikel aus grossen amerikanischen Zeitungen usw gespiegelt werden ist "Truthout"externer Link. Gegen den Strom Journalismus gibt es unter vielen anderen bei "AlterNet"externer Link. Blogs gibt es ebensoviele - von denen, die ich gelesen habe zu empfehlen:

3. Alle meine Gesprächspartner haben vorgeschlagen, falls bedarf bestünde die Seite der (gewerkschaftsnahen) MigrantInnen-Page "Action LA" externer Link anzugeben - dort wird gerade versucht, zusammen mit anderen progressiven Gruppierungen einen eigenen Fonds einzurichten...

Helmut Weiss, am 7. und 8.September 2005


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