aus express 9/99, Zeitung für Betriebs- und sozialistische Gewerkschaftsarbeit

Abschluss wider den Trend

Einjähriger Streik bei Continental-General Tires in den USA beendet

Die rund 1.450 Beschäftigten des US-amerikanischen Reifenherstelleres General Tires in Charlotte haben am 19. September mit überwältigender Mehrheit einem neuen Betriebsabkommen zugestimmt. Mit dieser Abstimmung unter den Mitgliedern des Locals 850 der United Steelworkers of America (USWA) endete der rund einjährige Streik in dem Werk von General Tire (vgl. express 6-7/99). Der Vertrag beinhaltet zugleich den höchsten Anstieg von Löhnen und Sozialleistungen, der in den letzten Jahrzehnten in der US-amerikanischen Reifenindustrie erkämpft werden konnte.

General Tire ist ein Tochterunternehmen des global agierenden Continental-Konzerns; internationale gewerkschaftliche Unterstützung spielte eine erhebliche Rolle für den Verlauf und Ausgang des Konflikts. Der neue Vertrag bedeutet für die Beschäftigten den ersten werksweiten Lohnanstieg überhaupt seit 1989, er passt die Löhne den gestiegenen Lebenshaltungskosten an und enthält eine substanzielle Verbesserung der Betriebsrenten, die volle Übernahme der Familien-Krankenversicherung durch das Unternehmen und eine Wiederanstellung für alle Beschäftigten.

Das Abkommen in Charlotte beendet damit einen Streik, der seit dem 20. September des letzten Jahres ununterbrochenen aufrecht erhaltenen wurde. Entzündet hatte er sich am Scheitern der Verhandlungen zwischen den Beschäftigten und dem Management, dem die Gewerkschaft „unfair labour practices" vorwarf, d.h. codifizierte Regeln im Arbeitsverhältnis verletzt zu haben.

USWA-Präsident George Becker begrüßte den Vertrag als einen „Sieg der Beschäftigten über das Unternehmen. Durch die Anhebung der Löhne und Renten bei General Tire auf das Niveau des entsprechenden Branchen-Mustervertrages ist es gelungen, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Unternehmen herzustellen, statt niedrigere Löhne und Sozialleistungen als Wettbewerbsvorteil auszunutzen."

Parallel zur Beilegung des Konflikts in Charlotte führte die USWA in den Werken Mayfield, Kentucky und Bryan Verhandlungen, deren Ausgang noch abhängig von der Lösung verschiedener lokaler Probleme ist. In allen drei Werken werden die geltenden Verträge in Kürze auslaufen.

„Die Männer und Frauen unseres Locals haben es gemeinsam durchgestanden und ausgefochten", meinte Earl Propst, Präsident des Locals 850. „Nur 15 Prozent brachen die Streikkette. Unsere Solidarität hat einen Maßstab gesetzt, der nur ganz selten irgendwo im Süden jemals erreicht worden ist." Propst berichtete, dass die Streikenden in hohem Maße unterstützt worden seien – sowohl von Nicht-Mitgliedern der Gewerkschaft als auch von GewerkschafterInnen. Deutlich wurde die Unterstützung auch am groß angelegten Labor-Aktionstag in Charlotte, der von rund 5.000 Gewerkschaftsmitgliedern und ihren Familien im September d.J. begangen wurde.

Die USWA ist Mitglied der ICEM (International Federation of Chemical, Energy, Mine and General Workers’ Union), die weltweit rund 20 Millionen Mitglieder vertritt. Der Streik in Charlotte wurde begleitet von einer internationalen gewerkschaftlichen Kampagne, die von der ICEM koordiniert wurde und eine Reihe von Aktionsformen enthielt: eine Solidaritäts-Reise, mit der Unterstützung unter den Beschäftigten der US-Werke und ausländischer Werke des Konzerns organisiert wurde, eine Tour von Beschäftigten des Werkes in Charlotte und ihren Familien nach Europa, die für mediale Öffentlichkeit und Begleitung des Streiks sorgte, ein Sympathie-Streik unter Beschäftigten von Reifen-Produzenten in Südafrika, eine Streikkette von australischen GewerkschafterInnen vor der deutschen Botschaft in Sydney, eine eigenständige „Cyber-Kampagne" der ICEM im World Wide Web und schließlich eine US-weite Kampagne mit dem Ziel, die Händler der Ford Motor Company und ihre KundInnen darüber aufzuklären, dass Ford Abnehmer von Reifen sei, die von unerfahrenen Ersatz-Arbeitskräften hergestellt würden.

Die Inhalte des Abkommens

Wesentliche Bestandteile des nun abgeschlossenen Vertrags sind:

John Sellers, Vize-Präsident der für den Bereich Gummi- und Plastikindustrie zuständigen Gliederung der USWA, kommentierte: „Dieser neue Kontrakt garantiert den Anschluss von Continental General Tire an den Muster-Tarifvertrag in der Gummi- und Reifenindustrie, für dessen Erhalt unsere Gewerkschaft so hart gekämpft hat. Und die Art und Weise, wie er gewonnen wurde, mag jedes Unternehmen der Branche daran erinnern, dass wir strikt an unseren Musterverträgen festhalten."

„Dies ist ein hervorragendes Ergebnis und eine volle Bestätigung für die Kampagne der USWA und der ICEM", meinte Vic Thorpe, General-Sekretär der ICEM. „Die internationale Solidarität der ArbeiterInnen hatte eine hohe Bedeutung dafür, einen gerechten Abschluss erreicht zu haben. Wenn sich die ArbeiterInnen global organisieren, können sie gewinnen. Kein Beschäftigter irgendwo auf der Welt – und kein Unternehmer – sollte das je vergessen."

Quellen: Jim Catterson, Icem Campaigns Officer, Rundbrief vom 20. September 1999;

ICEM Update Nr. 54/1999

Übersetzung: K.H.


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