| letzte Änderung am 12. Nov. 2002 | |
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Bisher waren den französischen Konservativen größere soziale
Konflikte seit dem Regierungswechsel im Mai dieses Jahres erspart geblieben.
In den ersten Monaten hatten sie auch alles daran gesetzt, eine Aufheizung des
sozialen Klimas zu vermeiden und auf wirtschaftlichem Gebiet entsprechend vorsichtig
zu agieren. Statt dessen hatten sie das, ingesamt (trotzt Protesten) eher populäre,
Thema der "Inneren Sicherheit" während der Monate des Sommers
und Frühherbst völlig ins Zentrum gerückt.
Diese Phase relativer Ruhe an der "sozialen Front" könnte nunmehr
tendenziell zu Ende gehen, zumal "schmerzhafte" Entscheidungen - angesichts
einer schlechten Konjunkturlage, die bisherige optimistische Haushaltsprognosen
zur Makulatur werden lässt - nicht ständig aufgeschoben werden können.
Vorige Woche ließen führende bürgerliche Politiker mehrere Testballons
steigen, um die Reaktionen auszutesten.
Sozialminister François Fillon erklärte so am Montag letzter Woche
(4.. November) bei einer Rede in Nantes, die Vorruhestands-Regelungen seien
"eine Katastrophe für die nationale Ökonomie". Und die Franzosen
müssten sich allgemein auf eine Verlängerung der Beitragszeiten für
die Rente vorbereiten. Noch in der gleichen Woche wurde die Vorruhestands-Regelung
im öffentlichen Dienst abrupt und ohne Vorwarnung aufgekündigt. Die
große "Rentenreform" steht noch aus: Auch in Frankreich
ist an die Einführung privater Rentenfonds und andere Formen privater Altersvorsorge
gedacht, doch hatte die Regierung die Entscheidung bezüglich dieser Materie
bei ihrem Amtsantritt gleich einmal um einige Monate hinausgeschoben. Aber im
ersten Halbjahr 2003 steht diese Debatte jetzt, so ist es jedenfalls bisher
vorgesehen, ins Haus. Sie wird nicht dadurch erleichtert, dass die Börsen
nach wie vor auf einem Tiefststand - verglichen mit den letzten Jahren - stehen,
und viele Rentner bspw.. in den USA ihren Pensionsantratt um Jahre verschieben
müssen, weil die dortigen Rentenfonds ihr Guthaben an den Börsen verjubelt
haben.
Wenige Tage vor Fillon hatte hatte der Fraktionsvorsitzende der bürgerlichen
Einheitspartei UMP, Jacques Barrot - der selbst 1995 bis 97 als Arbeits- und
Sozialminister amtiert hatte - angeregt, die gesetzliche Krankenversicherung
solle sich künftig auf "schwere Krankheiten" beschränken.
Den Rest solle eine private Absicherung übernehmen - für jene, die
sich das leisten können und wollen. Die Reaktionen fielen scharf aus. Besonders
der Generalsekretär des reformistisch-"unpolitischen" (drittgrößten)
Gewerkschaftsbunds Force Ouvrière/FO, Marc Blondel, drohte schon mal
mit massiven Streiks à la Herbst 1995. Dabei spielt auch eine Rolle,
dass der Gewerkschafts-Apparat von FO besonders eng mit den Leitungsstrukturen
der öffentlichen Krankenkassen verwoben ist und in hohem Maße die
Mittel der Kassen"bürokratie" zum Unterhalt des eigenen Apparats nutzt.
1967 hatte FO - dank der damaligen gaullistischen Regierung - die Präsidentschaft
der (durch Repräsentanten der "Sozialpartner" verwalteten) Krankenkasse
übernommen, und erst 1996 gab FO sie wieder ab. Dieses Mal war es die neokonservative
Regierung unter Alain Juppé, die Force Ouvrière die Führung
der Krankenkasse entzog, um sie der sozialliberalen CFDT (bzw. ihrer damaligen,
eindeutig neoliberalen Führung unter Nicole Notat) zu übergeben -
weil die CFDT die damalige Reform bzw. Deform der Sozialversicherungssysteme
durch die Juppé-Regierung offen befürwortete. Zur Verteidigung ihrer
ureigenen Apparatinteressen hat FO daher, sofern es um die Krankenkassen geht,
immer stark verbalradikale Positionen eingenommen, die über den tatsächlichen
Charakter dieser eher konservativ-populistisch geprägten Organisation nicht
hinwegtäuschen dürfen.
Eine Reihe öffentlicher Dienste bereiten sich nunmehr auf einen Warnstreik
am 26. November vor, der ursprünglich als Aktionstag allein der Eisenbahner
vorgesehen gewesen war. Seitens von Force Ouvrière, die - wie ausgeführt
- durchaus aus sehr eigennützigen Organisationsinteressen heraus mobilisiert,
rufen die Sektionen im öffentlichen Dienst seit einigen Wochen zum Streik
am 26. November auf. FO-Chef Marc Blondel hat nunmehr sogar dazu aufgerufen,
den Ausstand auch auf den privaten Wirtschaftssektor auszudehnen, und spricht
öffentlich von einer "Konfiguration, die jener der Streiks von 1995
gleicht". Das scheinen bisher aber lediglich Muskelspiele zu sein, wie
man sie vom FO-Verbalradikalismus kennt.
Auch der CGT-Verband der öffentlich Bediensteten ruft nunmehr seit vorigem
Mittwoch (6. November) zu einer Arbeitsniederlegung an jenem Tag auf. Bei der
Post und der französischen Telekom rufen die Verbände von CGT, CFDT,
FO und die linksalternative Basisgewerkschaft SUD - die bei France Télécom
die zweistärkste Organisation nach der CGT bildet - zum Ausstand am 26..
November auf. Dies wurde am Donnerstag, den 7. November beschlossen. Der Aktionstag
soll zumindest zum Aktionstag für die Zukunft aller öffentlichen Dienste
und gegen die bestehenden Privatisierungsdrohungen ausgeweitet werden..
Ferner plant die CGT einen Streik- und Aktionstag "Anfang Dezember"
zur Beschäftigungspolitik. Und im privaten Sektor steht Ende November ein
Ausstand der LKW-Fahrer an, da die Verhandlungen über die Einführung
eines 13. Monatsgehalts in diesem extremen Niedriglohn-Sektor soeben an der
harten Haltung der Arbeitgeberseite gescheitert sind.
Schließlich werden die LehrerInnen, die am 17. November (mit ziemlichem
Moblisierungserfolg) streikten, erneut mobilisieren, und zwar zusammen mit den
schulischen Elternverbänden. Allerdings an einem Sonntag, nämlich
dem 8. Dezember.
Seitens der großen Gewerkschaften spielt allerdings bei den derzeitigen
Mobilisierungen auch eine Rolle, dass am 11. Dezember dieses Jahres 15 Millionen
Beschäftigte aufgerufen sind, die Laienrichter an den Arbeitsgerichten
zu wählen. Diese Wahl der Prud`hommes genannten Arbeitsgerichte
stellt, da sie landesweit und für alle abhängig Beschäftigten
am selben Tag stattfindet, den wichtigsten Kräftetest für die Bedeutung
der verschiedenen gewerkschaftlichen Organisationen dar. Daher befinden die
Organisationen sich im Moment gewissermaßen im Wahlkampf - mit angemieteten
Plakatwänden in den Straßen und allem Drun und Dran. Ob im Hinblick
auf die soziale Konfliktfähigkeit die Dinge im Anschluss auch so warm gegessen
werden, wie sie derzeit am Kochen sind, wird abzuwarten bleiben. Im Regelfall
muss man den großen Gewerkschaftsapparaten, nach aller Erfahrung, dabei
ein wenig nachhelfen.
Immerhin, das soziale Klima scheint sich real aufzuheizen. Anlässlich der,
von den Meinungsforschern jeden Monat gestellten, einschlägigen Frage ("Erwarten
Sie, dass es in den kommenden Monaten eher viele oder eher wenige soziale Konflikte
geben wird ?") antworteten vor wenigen Tagen 75 Prozent der Franzosen und
Französinnen mit "viele". Die Boulevardzeitung `France Soir`
macht am Dienstag, 12. November auf ihrer Titelseite mit der Schlagzeile auf
: "Große soziale Konflikte sind in Vorbereitung - Es wird heiß
werden". Die, als seriös geltende und dezidiert arbeitgeber-freundliche,
Wirtschaftszeitung `Les Echos` beginnt ihre Ausgabe vom gleichen Tag mit einer
Doppelseite 2/3 unter dem Titel : "(Premierminister) Raffarin sieht sich
einer Verschärfung des sozialen Klimas im öffentlichen Sektor gegenüber".
Insofern kann man wenigstens hoffen, dass die entstehende Dynamik einen Überschuss
enthält, der über die Organisationsziele verschiedener Apparate hinaus
reicht. Wenn die "Sozialwahlen" vom 11. Dezember vorüber sind,
wird man es genauer wissen..
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