Das dritte Ministertreffen der Welthandelsorganisation (WTO) ist am Freitag Abend klaeglich gescheitert. Bis in die Nacht hatten Vertreter von 135 Laendern unter Ausschluss der Oeffentlickeit versucht, einen Fahrplan fuer die weitere Liberalisierung des Welthandels im Rahmen der Welthandelsorganisation festzuklopfen. Vergebliche vier Tage lang. Im Laufe des Nachmittags waren innerhalb des schwer bewachten Kongresszentrums mehrere NGO-Vertreter festgenommen worden, die Transparente gegen die WTO entspannen wollten. Von der vor einer Woche noch grossspurig angekuendigten "Millenniumsrunde" war von offizieller Seite nichts mehr zu hoeren. Nicht einmal eine gemeinsame Schlusserklaerung brachten die Wirtschaftsminister in Seattle zustande. "Eine haessliches Ende fuer eine haessliche Woche", hiess es in der Zeitung "Seattle Post Intelligencer".

"Victory" spruehten dagegen die Betreiber eines linken Buchladens am Hafenmarkt an die Wand, "Gratulation an alle", hiess es auf einem Aushang am oertlichen "Fair Trade"-Laden. Damit war die Stimmung Zehntausender trefflich ausgedrueckt, die seit Dienstag trotz des massiven Einsatzes von Polizei und "National Guard" gegen die WTO protestiert hatten. "Die angeblich so unaufhaltsame Wucht der Globalisierung ist auf ein unverrueckbares Hindernis namens Demokratie von unten gestossen", sagte Lori Wallach vom gruenen Verband "Global Trade Watch". Und David Smith von der AFL-CIO freute sich, die WTO-Offiziellen wuerden "diese Tage so schnell nicht vergessen." Seattle sei ein "Wendepunkt in der Debatte".

Die Offiziellen dagegen spielten die Rolle der Proteste beim Scheitern der Verhandlungen herunter. Ein WTO-Sprecher machte die Uneinigkeit der 135 Laendervertreter dafuer verantwortlich. Die allzu komplexen Themen seien innerhalb einer Woche nicht zu behandeln gewesen, fuehrte er zur Begruendung an, ausserdem haetten sich Entwicklungslaender "wutentbrannt" ueber ihre Ausgrenzung aus den Verhandlungen gezeigt. Die USA hatten beispielsweise 85 Verhandlungsbeauftragte nach Seattle entsandt und die Europaeer 76, aber Kongo oder Belize jeweils nur fuenf. Einige arme Laender konnten sich keinen einzigen Entsandten leisten. Tatsaechlich hatten Vertreter aus Afrika, Lateinamerika und Asien bereits am Donnerstag an einem Entwurf gearbeitet, in dem sie mit dem Boykott einer neuen Verhandlungsrunde drohten. Eine Wirtschaftswissenschaftlerin von den Philippinen sagte abends im Fernsehen, Entwicklungslaender haetten sich dazu durch die Anti-WTO-Proteste ermuntern lassen.

Der deutsche Wirtschaftsminister Werner Mueller (parteilos) deutete dagegen anklagend auf die USA, die "ihre Interessen hart verteidigt und keine Zugestaendnisse gemacht" haetten. Noch vor wenigen Tagen hatte er aber dasselbe Recht fuer Deutschland beansprucht. Er trete fuer die Erweiterung der WTO-Tagesordnung um solche Themen sein, "bei denen der deutsche Wirtschaftsraum stark ist", war Mueller zitiert worden. Die USA hatten auf einem wesentlich engeren Spektrum zu liberalisierender Elemente der Weltwirtschaft bestanden. Bei "Schluesselthemen", berichtete die "New York Times", haetten die USA in Seattle "isoliert" dagestanden.

Unterdessen marschierten am Freitag Nachmittag (Ortszeit) ein letztes Mal Tausende von Gewerkschaftern und Umweltschuetzern in einem von der Stadt zugestandenen Demonstrationszug direkt vor die Ketten von Polizei und "National Guard", um gegen den Ausnahmezustand zu protestieren, den der Buergermeister angeordnet hatte. Vor dem Untersuchungsgefaengnis forderten ausserdem mehrere Hundert Aktivisten und Anwaelte des linken "Direct Action Network" stundenlang die Freilassung der ueber 500 Festgenommenen, die auch Samstagnacht noch eingesperrt waren. WTO-Delegierte und NGO-Vertreter hatten zu diesem Zeitpunkt die Stadt laengst verlassen.

Max Boehnel, Seattle
5.12.1999