Der Ausnahmezustand in Seattle, der am Dienstagabend vor der Ankunft US-Praesident Clintons ueber das Stadtzentrum verhaengt wurde, dauerte auch an, seit Clinton die Stadt am Mittwoch Abend laengst wieder verlassen hat. Die Stadtverwaltung ordnete erstmals seit dem 2. Weltkrieg eine Ausgangssperre rund um die Uhr an, die bis zum Abschluss der WTO-Tagung am Freitagabend gelten sollte. Bis Donnerstag Nachmittag hatte die Polizei 587 Menschen festgenommen, Hunderte von Traenengasgranaten abgefeuert und sogar lebensgefaehrliche Plastikgeschosse eingesetzt. Eine bisher unbekannte Zahl von Demonstranten und Passanten hat teilweise schwere Verwundungen erlitten. Von verletzten Polizisten ist nichts bekannt. Inzwischen mehrt sich die Kritik an den Polizeiuebergriffen, die zum Teil live im oertlichen Fernsehen mitzuverfolgen waren. Der Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO und die Buergerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union haben angekuendigt, gegen die Stadt wegen Verletzung der Versammlungs- und Redefreiheit zu klagen.

Das Gelaende rund um das Kongresszentrum, wo Delegierte aus 135 Laendern die Liberalisierung des Welthandels beraten, und um die teuren Hotels von Seattle glich auch am Donnerstag einem Heereslager. Hunderte von militaerisch ausgeruesteten Polizisten standen Wache und liefen Streife. Angehoerige der Nationalgarde patroullierten in Militaerkleidung mit Stahlhelmen und Holzknueppeln durch die Innenstadt. UEber den Hochhaeusern kreisten auch in der Nacht zum Freitag noch sporadisch Polizeihubschrauber. Nur die schwarzen Zivilfahrzeuge des Secret Service - in ihrer Mitte die Limousinen hochrangiger WTO-Delegierter - rasten in atemberaubendem Tempo ueber die huegeligen Strassen von Downtown Seattle. Trotz der formalen Ausgangssperre, die nicht fuer die Teilnehmer an der WTO gilt, liess die Polizei im Laufe des Tages zwei Protestzuege zu, an denen sich jeweils rund zweitausend Menschen beteiligten. Der eine richtete sich gegen die Polizeiuebergriffe und die Ausgangssperre. Der andere begann am Nachmittag und loeste sich erst kurz vor Mitternacht vor dem Gefaengnis King County Jail auf, wo WTO-Gegner die Freilassung der Inhaftierten forderten. Die Polizei hatte offenbar wegen der kritischen Pressestimmen aus dem Ausland ihre Strategie geaendert und setzte auf Deeskalation. Ausserdem hatten einige auslaendische WTO-Delegierte das martialische Auftreten von Polizei und Nationalgarde und deren Verhalten kritisiert. Denn so mancher Delegierte war tags zuvor selbst Opfer der Traenengasschwaden geworden oder von FBI und Secret Service aus "Sicherheitsgruenden" am Verlassen des Hotels gehindet worden. .

Nach Angaben der oertlichen Presse ist waehrend der Traenengaseinsaetze am Dienstag und am Mittwoch im Geschaeftszentrum der Stadt ein Sachschaden von rund 2 Millionen Dollar entstanden. Tatsaechlich waren bei Grosskonzernen wie MacDonalds, Starbucks, Planet Hollywood, bei einem Grosskaufhaus und bei mehreren Banken die Scheiben zu Bruch gegangen. Doch fuehrende Vertreter von NGOs wandten sich scharf gegen die vor allem in den oertlichen Medien einsetzende Stimmungsmache gegen "Krawallmacher". Der franzoesische Bauer José Bové, der wegen der Zerstoerung einer MacDonalds-Filiale in Frankreich bekannt geworden war, sagte gegenueber jW: "Wenn die Polizei in Paris soviel Traenengas einsetzen wuerde wie die Polizei von Seattle, dann wuerden saemtliche Autos in der Stadt brennen. Und zwar zurecht". Die indische Aktivistin Vandana Shiva dankte "unseren jungen Bruedern und Schwestern" ausdruecklich fuer den "mutigen zivilen Ungehorsam". Weder der Gewerkschaftsdachverband noch die gruenen Lobbyverbaende sahen sich zu Distanzdierungserklaerungen veranlasst. Einzig der konservative "Sierra Club" veroeffentlichte ein entsprechendes Flugblatt.

Sowohl der regionale Fernsehsender "Northwest" und die Tageszeitung "Seattle Times" als auch die Polizei machten Anarchisten aus Eugene in Oregon fuer den Sachschaden verantwortlich. Vor allem ueber die Polizeiautos mit den platten Reifen, gespruehte Anarcho-A´s und die vorsorglich mitgebrachten Gasmasken aergerte sich das law-and-order-Kartell.

Max Boehnel, Seattle
3.12.1999