Der "Erfolg" frisst seine Kinder

Zur Organisationsentwicklungsdebatte in der AFL-CIO / Von Uwe Wolf

Die Wirtschaft flieht vor der gewerkschaftlichen Organisierung. Rein statistisch lässt sich der Umstand schon damit belegen, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den USA von 33 Prozent in 1955 auf gegenwärtig knapp 14 Prozent gesunken ist. Außerdem sind 90 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder in acht von insgesamt 15 Branchen konzentriert. In den acht Branchen mit dem höchsten Stellenabbau (u.a. Bergwerke sowie die Automobil- und Stahlindustrie) waren 80 Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Hauptgründe für den Arbeitsplatzabbau waren der verschärfte internationale Wettbewerb mit Billigimporten sowie Produktionsverlagerungen ins Ausland. Allein 20 Prozent der Mitgliedschaften befinden sich in den Großräumen New York und Los Angeles. Noch schlechter nimmt sich das Verhältnis aus, wenn man die Entwicklung in den zukunftsträchtigen Wirtschaftsbereichen (so z.B. Hotelgewerbe, Kindererziehung, Finanzsektor, Einzelhandel oder Flugzeugindustrie) betrachtet. Dort können die Gewerkschaften durchschnittlich nur 5 Prozent für sich gewinnen. Auf der Basis von Statistiken, die für die nächsten sechs Jahre 17,5 Millionen Beschäftigungsverhältnisse prognostizieren, hätten die Gewerkschaften immerhin noch 340.000 neue Mitglieder zu betreuen, wenn man den Organisationsgrad von 14 Prozent konstant halten könnte.

Diese Zahlen wurden anlässlich der alle zwei Jahre stattfindenden Tagung des Gewerkschaftsdachverbandes AFL-CIO im Rahmen einer eigens dafür erstellten Studie veröffentlicht.

Die Studie, die während der 14-tägigen Veranstaltung ausführlich besprochen werden soll, zeigt weiterhin auf, dass in den am schnellsten wachsenden Wirtschaftsräumen wie Atlanta, Dallas, Houston, Miami und Phoenix der gewerkschaftliche Organisationsgrad am niedrigsten liegt. Hingegen weisen wirtschaftlich wenig dynamische Ballungsräume wie Chicago oder New York den höchsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad auf.

Diese Entwicklung ist nach Ansicht von David Chu, dem Direktor der Abteilung für Organisationsentwicklung bei der AFL-CIO, nicht überraschend. Schon über mehrere Dekaden erstreckt sich das geringe Interesse der Gewerkschaften an der Mitgliederwerbung. Erst nachdem die Entwicklung der Mitgliederzahlen drastisch nach unten zeigte, wurde der Aspekt Mitgliederwerbung unter der Präsidentschaft von John Sweeney wieder ernster genommen. Sweeney hatte schon zu Beginn seiner Amtszeit davor gewarnt, Mitgliederwerbung als ein Randthema zu betrachten. Vielmehr zeige der dramatische Mitgliederverlust die allgemeine Schwächung der Gewerkschaften auf, die sich auch negativ auf die Lohnentwicklung für alle Beschäftigten niederschlug, unabhängig davon, ob sie organisiert waren oder nicht.

Für David Chu ergibt sich eine paradoxe Situation: "Irgendwo sind wir ein Opfer unseres eigenen Erfolges. Aufgrund unserer guten Organisierung in einigen Branchen haben wir dort Hochlohnsektoren und relativ gute Arbeitsbedingungen erzielt, vor denen nun die Wirtschaft flieht."

Bisher sind nur wenige Gewerkschaften dem Aufruf Sweeneys zur systematischen Mitgliederwerbung gefolgt. Insbesondere die Dienstleistungsgewerkschaft "Service Employees International Union" sowie die Gewerkschaft der in Hotels und Restaurants Angestellten haben durch eine offensive Mobilisierungspolitik zahlreiche neue Mitglieder gewonnen. Auch in der sogenannten Informations- und Kommunikations-Industrie hat der Organisationsgrad erheblich zugenommen, seitdem die "Communication Workers of America" (CWA) damit begannen, die Beschäftigten bei Microsoft und IBM zu organisieren. Die Unternehmen in dieser Branche verhalten sich recht unterschiedlich: Während Bell Atlantic seit neuestem sämtliche Gewerkschaftsneugründungen automatisch anerkennt, gibt es bei anderen Unternehmen wie SBC Communications Inc. oder AT&T komplizierte Anerkennungsverfahren, die die Gewerkschaftsarbeit erheblich einschränken.

Positiv sind auch Anstrengungen der UAW zu sehen, die mittlerweile verstärkt im Bereich der Zuliefererfirmen um Mitglieder buhlen. Der "Union of Needletrades, Industrial and Textile Employees" gelang ebenfalls ein großer Schritt nach vorn: Allein im Bereich der chemischen Reinigungen konnten ca. 9.000 neue Mitglieder gewonnen werden. In der Mehrzahl der Betriebe in den verschiedenen Branchen ist zumindestens ein Ansatz erkennbar, sich verstärkt den Angestellten zuzuwenden. So können nun auch Mitglieder in Bereichen gewonnen werden, die früher als "unorganisierbar" galten (z.B. leitende Angestellte oder Lehrende in Colleges).

Damit ist es immerhin gelungen das wird von Sweeney als ein Erfolgspunkt seiner Amtszeit festgehalten werden dass der Abwärtstrend bei den Mitgliederzahlen gestoppt werden konnte und es insgesamt sogar in den letzten beiden Jahren zu einem leichten Mitgliederanstieg um 200.000 Mitglieder kam.

Nach wie vor stehen aber AFL-CIO und die Gewerkschaften im Allgemeinen vor dem Problem, dass sie ihre treuesten Mitglieder am meisten enttäuschen muss, so dass nach außen nur schwer dokumentiert werden kann, warum sich eine gewerkschaftliche Organisierung überhaupt lohnen soll. Solange sich der Organisationsgrad umgekehrt proportional zur Wirtschaftsdynamik verhält, kann sich die oft ambivalente Haltung vieler Beschäftigter zu den Gewerkschaften nicht einschneidend verändern.

Vielleicht hilft hier aber auch eine andere Sichtweise, die den gewerkschaftlichen Erfolg früherer Dekaden ein wenig kritischer sieht. So ist die erzielte Gewerkschaftspolitik mit einem einstmals stabilen Hochlohnbereich für eine Kernarbeiterschaft immer auch mit Spaltungen der Beschäftigten verbunden gewesen. Die Betriebsblindheit für prekär Beschäftigte allgemein, ethnische Minderheiten und Frauen im Besonderen, führte auch innerhalb der Belegschaften zur Abkehr von Gewerkschaften, die eben nicht ihrem eigenen Anspruch einer allumfassenden Vertretung gerecht wurden, sondern rassistische und patriarchale Verhaltensmuster (re)produzierten.

(Quelle: Steven Greenhouse, /apc/labr/newsline, 13.10.99 / Frank Svoboda, Washington Post, 12.10.99)

erschienen in: Express Nr. 10/1999