Prekäre Superhelden vor Gericht?
Ende April 2006 haben etwa 30 prekäre Superhelden Delikatessen aus einem
Gourmet-Supermarkt in Hamburg entwendet und anschließend verteilt. Die
Staatsanwaltschaft glaubt nun, eine an der Aktion beteiligte Superheldin
ausfindig gemacht zu haben. Deshalb findet am Dienstag, dem 19. Juni um 9 Uhr
im Amtsgericht Altona (Max-Brauer-Allee 91) im Saal 101 ein Prozess gegen sie
statt. Mittlerweile wagen sich immer mehr prekäre Superhelden an die Öffentlichkeit.
Zur Erinnerung: Am Vormittag des 28. April 2006 entnahmen prekäre Superhelden
Champagner, Hirschkeulen und andere Delikatessen aus dem Gourmet-Supermarkt "Frische Paradies" an der Großen Elbstraße in Hamburg. Anschließend machten
sich Spider-Mom, Superflex und ihre Mitstreiterinnen an die Umverteilung. Die
Delikatessen wanderten diskret in die Hände von Erzieherinnen, Praktikanten,
Putzfrauen und Ein-Euro-Jobbern. Warum sollten prekär Beschäftigte, von
denen
es immer mehr gibt, nicht auch etwas von dem Reichtum haben, der in Hamburg
im
Überfluss vorhanden ist?
Die Polizei reagierte „auf den wahrscheinlich lustigsten Coup in der deutschen
Kriminalgeschichte“ (The Guardian) mit ziellosen und rechtlich zweifelhaften
Hausdurchsuchungen und versuchte die Superhelden des prekären Alltags erneut in
die Unsichtbarkeit zu drängen. Doch sie unterschätzten die außergewöhnlichen
Fähigkeiten, die zahllose Prekäre in ihrem gemeinsamen Widerstand mit
Arbeitskollegen, in ihrem alltäglichen Leben ohne deutschen Pass und in den
Auseinandersetzungen mit der Agentur für Arbeit entwickelt haben. Spätestens
jetzt ist überdeutlich geworden, dass die Polizei mit ihrem Vorhaben
gescheitert ist. Hunderte von prekären Superhelden haben sich auf der
Euromayday-Parade in Hamburg an das Licht der Öffentlichkeit gewagt. Beim
G8-Gipfel tauchten zahlreiche Superhelden auf den Straßen und Feldern rund um
Heiligendamm auf. In Barcelona kämpft Supervivienda gegen die anhaltende
Wohnungsnot. Immer mehr Superhelden setzen ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten
ein, um ein schönes Leben für alle möglich zu machen. Und sie haben prominente
Unterstützung gewonnen.
Die Sängerin Bernadette LaHengst macht deutlich: „Obwohl mein provisorisches Künsterlinnen-Leben im selbst gewählten Prekariat
stattfindet, ist es doch für die meisten MigrantInnen, PraktikantInnen,
Ein-Euro JobberInnen und sonstigen an Rand unserer Gesellschaft Gedrängten kein
Spaß, zuzusehen, wie der Kaviar an ein paar Auserwählte verteilt wird.
Ich war
es, du warst es, wir alle können zu SuperheldInnen werden, wenn wir die große
Umverteilung wollen.“
Frank Spilker von der Hamburger Band Die Sterne fügt
hinzu: „In unserer Gesellschaft werden Menschen anerkannt, deren wesentliches
Verdienst darin besteht Grosseltern zu haben, die zB. auf die Idee gekommen
sind Stärke und billige Aromen zu vermischen und diese geschickt zu vermarkten.
Wenn andere Leute aus entsetzen darüber, dass man als unglücklicher grosselternloser Mensch, von den Almosen, die einem die Nichtanerkennung der
Gesellschaft läßt kaum noch Leben kann, beschließen einen Luxusmarkt
auszurauben und dafür das Risiko eingehen in den Knast zu kommen - dann ist das
doch superheld.“
Dennoch hält die Staatsanwaltschaft an dem Verfahren fest. Die Anklage stützt
sich dabei im Wesentlichen darauf, dass sowohl eine Superheldin vor dem „Frische Paradies“, als auch die Angeklagte einen dunkelbraunen Pferdeschwanz
tragen. Angesichts dieser „Beweislage“ hebt Toni Kracht vom Peter
Parker-Unterstützerkreis hervor: „Wenn das als Basis für einen Prozess ausreicht, könnte die Anklage uns alle treffen.“ Und weiter: „Letztendlich
bestätigen Polizei und Staatsanwaltschaft unfreiwillig, dass in uns allen
Superheldenkräfte stecken.“
Pressemitteilung des Euromayday Hamburg vom 18.6.07
Siehe dazu auch:
- Gehts der "Superheldin" an den Kragen?
"Die Aktion war der vermutlich lustigste Coup in der Hamburger Kriminalgeschichte: Am 28. April 2006 überfielen 30 Männer und Frauen in Superheld-Kostümen das "Frischeparadies Goedeken" an der Großen Elbstraße, erbeuteten Delikatessen von Hirschkeule bis Champagner - und entwischten der Polizei. Später verkündeten sie schriftlich, sie hätten die Luxus-Leckereien an "Erzieherinnen, Praktikanten, Putzfrauen und Ein-Euro-Jobber" verteilt. Heute steht eine 30-Jährige Aktivistin der linken Szene vor dem Amtsgericht Altona. Die Anklage lautet auf gemeinschaftlichen Diebstahl, die junge Frau soll durch Zeugen als eine der "Superhelden" identifiziert worden sein." Artikel von Stephanie Lamprecht in der Hamburger Morgenpost vom 19.6.07 
- "Oute Dich als SuperheldIn!" - Bilder von der Euromayday-Parade
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